Dienstag, 7. Mai 2013

träumer und macher

Es ist 6.15 uhr und ich stehe mit kaffee und kippe am offenen fenster. Ich war gestern so früh im bett, dass ich bereits um sechs nicht mehr schlafen konnte. Ich bin also nicht extra zeitig aufgestanden, habe nichts besonderes vor oder etwas in der art. es ist also mehr ein zufall, dass ich früh morgens am fenster stehe. Die sonne ist auch schon wach und kämpft sich langsam am himmel hoch. ich sage gedanklich „Guten Morgen, sonne. Auch schon wach?“. Jetzt öffnet sich eine tür im gegenüberliegenden nachbarhaus und eine blonde endzwanzigerin beginnt die mülltonnen an die straße zu stellen. Sie tut dies sehr souverän und voller vitalität. Jeder handgriff sitzt. Sie muss nicht korrigieren und am ende stehen vier mülltonnen ordentlich nebeneinander, mit dem griff zu straße, so dass die müllmänner diese bequem greifen können. In einer rekordzeit. Wie kann man morgens ums sechs schon so fit sein?, frage ich mich.
Und dann gehen die gedanken noch weiter: es gibt so leute, bei denen jeder handgriff sitzt. Macher eben, stets unter strom; sie machen einfach ohne sich von unnützen und quälenden gedanken ablenken zu lassen.
Dann gibt es auf der anderen seite die zögerer und zauderer, die vor jeder aufgabe und handlung inne halten und lieber noch mal darüber nachdenken, anstatt die aufgabe einfach zu erledigen. Oder die träumer. Die gedanklich nie so richtig bei den zu erledigenden aufgaben sind. So einer bin ich. Vielleicht ist das ja auch der grund, warum die träumer oft im alltag versagen. Beim auto fahren sind wir gedanklich schon angekommen und diskutieren innerlich bereits mit den freunden noch nicht aufgetretene unstimmigkeiten. Dann fahren wir, während wir emotional erregt, den freunden dies oder jenes vorwerfen, dem vordermann hinten ins auto und merken in dem moment, dass wir wohl noch nicht angekommen sind.
Beim einkaufen sind wir gedanklich schon beim kochen und vergessen dann die hälfte, so dass es zum kochen gar nicht mehr kommt.
Es geht noch weiter: Will ich ausnahmsweise mal sport treiben, mache ich mir vorher gedanken, ob ich auch wirklich fit bin und nicht vielleicht erkältet oder dergleichen und je mehr ich in mich hineinfühle, desto kränklicher komme ich mir auf einmal vor. Leichte halsschmerzen, ganz schlapp und kraftlos. Dann lege ich mich sicherheitshalber ins bett, da ja wohl eine krankheit heraufzieht bzw. mindestens eine erkältung im anmarsch ist und beginne zu lesen. Während ich etwas unterhaltsames, seichtes und belangloses lese, überlege ich, ob es nicht sinnvoller wäre, etwa ein sachbuch zu lesen, um etwas zu lernen. Ich lege also den roman weg, beginne mit dem sachbuch, (bspw. Irgendwelche philosophischen schriften, von denen ich nur die hälfte verstehe) und ärgere mich, dass ich nicht den roman weitergelesen habe. Dann nehme ich ein leichteres wissenvermittelndes buch (bspw. irgendeinen R.D. Precht), beginne zu lesen, freue mich kurz über die gute verständlichkeit, halte mich dann aber nach kurzer zeit für einen dünnbrettbohrer. So geht das noch ein bißchen hin und her und irgendwann schlafe ich dann ganz erschöpft ein. Am ende des tages wundere ich mich dann manchmal, wo die ganze zeit geblieben ist und ärgere mich, nicht mehr geschafft zu haben. Anstatt dann aber aufzustehen und noch etwas handfestes zu tun (putzen, aufräumen usw.) mache ich mir lieber gedanken über mein beinahe (oder bereits ?) verpfuschtes leben und frage mich, ob nicht meine antriebsschwäche auf einer schweren kindheit beruht. Meine möglicherweise schwere kindheit werfe ich dann, wieder nur gedanklich, manchmal auch tatsächlich, meinen eltern vor und komme zu dem schluss, dass es ja nicht an mir liegt und ich für mein tägliches versagen gar nichts kann. Ich müsste meine kindheit wohl mal therapeutisch aufarbeiten, überlege ich mir. Dass dauert aber bestimmt lange. Und wer weiß, ob so eine therapie erfolg hat. Schließlich bin ich bestimmt ein schwerer fall. Nach einigem hin und her, pro und contra, elan gegen trägheit, lege ich mich dann, kurzzeitig vom schlechten gewissen befreit, wieder ins bett, bemitleide mich ein wenig, beruhige mich mit dem gedanken, dass ich es nun wirklich nicht leicht habe, aber nichts dafür kann und der situation ja völlig ausgeliefert bin, nehme mir einen leichten roman und bin kurzzeitig zufrieden. Bis das spiel „roman versus sachbuch“ wieder von vorne losgeht.
Nach all dem bisher geschriebenen frage ich mich, ob die begriffe „träumer“ oder „zögernder zauderer“ noch passen. Im moment komme ich mir eher wie ein bequemer, verantwortung von sich schiebender, fauler sack vor. Jetzt fühle ich mich schlecht. Ich glaube, ich werde mich sicherheitshalber wieder ins bett begeben. Warum habe ich es nur so schwer? Wenn ich ausgeschlafen habe, kann ich ja einen seichten roman lesen. Oder ein sachbuch. Mal sehen, ob ich es schaffe.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

leben, glück und so
pubertärer besinnungsaufsatz für gleichgesinnte manchmal.. .
bratapfel-süß-sauer - 17. Mär, 11:19
kleider machen leute
ich sitze auf der dachterrasse des cafes panorama mit...
bratapfel-süß-sauer - 4. Mär, 16:56
kontrolle, sparwahn u...
es gibt tatsächlich leute, die mitzählen, also eine...
bratapfel-süß-sauer - 31. Jan, 12:29
die bedeutung des geldes
geld ist mir eigentlich ziemlich scheißegal. Solange...
bratapfel-süß-sauer - 30. Jan, 01:52
Ab wann das Alter "sehr...
Ab wann das Alter "sehr fortgeschritten" ist, lasse...
iGing - 23. Jan, 18:37

Links

Suche

 

Status

Online seit 4568 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:09

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren