Freitag, 19. Juli 2013

kein geld, aber einen wortschatz

Ich bin in bremen. Unterwegs. Allein. Meine freundin ist für einen tagestrip mit zwei freundinnen nach hamburg gefahren: stadtbesichtigung, hafenrundfahrt, essen gehen usw.. ich durfte nicht mit. Ich muss mich heute also selbst versorgen und habe die anweisung erhalten, den schweinebraten mit herzoginkartoffeln in der mensa zu essen. Und nicht wieder „irgend sonen fast-food-scheiß“.
Die sonne knallt vom himmel herunter, mein hemd klebt am rücken und ist unter den achseln nass. Ich trage wetterbedingt flipflops und sonnenbrillengläser zum hochklappen; also zum aufstecken auf meine normale brille. Erst nach dem aufstecken kann man sie hochklappen. Meine freundin meint, ich sähe damit verboten aus. Oder – nach dem hochklappen - wie ein maikäfer, der seine flügel ausgefahren hat. Vielleicht durfte ich ja aufgrund der getönten aufsteckgläser nicht mit nach hamburg. Manchmal glaube ich, dass sich meine freundin für mich schämt. Zu recht. Ich kann mich nicht benehmen, reiße witze unterhalb der gürtellinie und fange an, quatsch zu machen, wenn man mir zu wenig aufmerksamkeit schenkt. Oder ich sage einfach gar nichts, weil ich gerade meine depressive phase habe. Naja, wäre ich eine frau, könnte ich sagen: ich bin kompliziert. Auf partys nimmt sie mich übrigens auch nicht mit. Da sollte ich mal drüber nachdenken.
Zurück nach bremen: ich gehe also bei gleißendem sonnenlicht … (ich glaube, dass wort „gleißend“ habe ich noch nie verwendet; also zumindest nicht schriftlich; laut duden bedeutet es: stark und spiegelnd (metallisch); anscheinend ist das verb „gleißen“ aus versehen aus meinem passiven in den aktiven wortschatz gerutscht. Zum verständnis, schließlich soll der leser ja auch etwas lernen - habe ich eigentlich einen bildungsauftrag? Und wenn ja, kann ich den von der steuer absetzen? - : man unterscheidet zwischen passivem und aktivem wortschatz (das nun folgende stammt mal wieder von wikipedia):
Der rezeptive Wortschatz (passiver Wortschatz) wird vom Sinn her verstanden, wird jedoch nicht aktiv verwendet. Er ist jener, der meist nur zum Verstehen gesprochener und geschriebener Texte beiträgt, also eher als Verstehenswortschatz bezeichnet werden kann, der im entscheidenden Augenblick als bekannt aus dem Gedächtnis abgerufen oder über andere Wege (z. B. Wortbildung) erschlossen wird.
Der produktive Wortschatz (aktiver Wortschatz) wird auch beim Sprechen benutzt, seine Einsatzmöglichkeiten sind so weit bekannt, dass sinnvolle verständliche Sätze damit geformt werden können.
So weit, so interessant. Also beim schreiben ist jetzt aus versehen, also ohne mein bewusstes zutun, das verb „gleißen“, das ich bisher nur verstanden, aber nicht benutzt habe, vom passiven in den aktiven wortschatz gerutscht. Hmm. Kann man da noch was machen? Vielleicht möchte ich das wort „gleißen“ gar nicht in meinem aktiven wortschatz haben. Außerdem ruft es eher negative assoziationen hervor, erinnert an entgleisen, scheißen, beißen … . keine ahnung. Ich nehme mir vor das wort „gleißen“ schnell wieder zu vergessen. Mal sehen, ob das klappt.
Ich glaube, ich habe mich gedanklich schon wieder aus bremens innenstadt entfernt. Also zurück: ich gehe also bei …….. sonnenlicht durch die innenstadt und rauche dabei eine kleine billige, relativ milde zigarre. Ich überlege, ob ich mir irgendwo einen kaffee holen soll. Ich werfe einen blick in mein portmonee und stelle fest, dass es gerade noch für die rückfahrt und ein mensaessen reicht. Also keinen kaffee. Ich biege in die boettcher-gasse ein, eine bremer sehenswürdigkeit. Ganz schön gemacht, denke ich, aber etwas überladen. Typisch touristenfalle. Ich gehe an einem akkordeon-spieler vorbei, der dem ding recht schöne töne entlockt. Erinnert mich ein bißchen an yann tiersen. Das ist der typ, der zu jeunets komödie „die fabelhafte welt der amelie“ die filmmusik beigesteuert hat. Der film ist zwar toll, aber auch ein wenig überladen, kommt mir in den sinn. Ich kann ihm nichts geben, nur zunicken. Ich hab ja kein geld. Über, also übrig. Einige meter weiter sitzt ein bettelnder bärtiger typ, vielleicht schon fünfzig, und prostet mir mit seinem flachmann zu. Dabei hält er seine zigarre hoch, deutet mit dieser auf meinen glühenden zigarrenstumpen und sagt: „einen taler“. Ich weiß nicht warum, irgendwas rührt mich an dieser szene, aber ich hole meine geldbörse heraus und drücke ihm einen euro in die hochgehaltene hand. Für mehr schnaps und zigarren? Rauchersolidarität? Ich weiß es nicht. „da freu ich mich aber“, sagt er. Ich nicke und gehe schnell weiter. Ich denke darüber nach, warum ich ihm jetzt etwas gegeben habe und kann mir die frage nicht beantworten.
Ich setze mich auf eine bank an der weserpromenade und betrachte die vor anker liegenden schiffe. Mir fällt nichts ein. Ein ehepaar mit schwarzem labrador an der leine geht vorbei. Der hund hechelt stark, wohl aufgrund der hitze. Am gegenüberliegenden ufer schüttet ein bauarbeiter bauschutt in die weser. Eine ente fährt vorbei. Dann ein lastkahn, flußaufwärts. Spannende unterhaltung ist das nicht. Ich bekomme langsam hunger. Für das mensaessen fehlt mir jetzt aber der weggegebene euro. Ich werde den bettler wohl fragen müssen, ob ich den euro zurückbekommen kann. Mal sehen, was er dazu sagt. Oder ich setze mich neben ihn, vielleicht gibt mir ja jemand einen euro, der mir jetzt fehlt. Nach kurzer bedenkzeit hole mir für zwei euro einen kleinen flachmann, weizenkorn, und setze mich einige meter entfernt von meinem bettler hin, zünde die zigarre an und nippe am korn. Den vorbeikommenden touristen nicke und proste ich zu und frage: „einen taler?“ sie sehen mich verständnislos und angewidert an und gehen schnell weiter. Keiner gibt mir einen euro. Wobei ich ja jetzt schon drei euro für das mensaessen bräuchte. Was mache ich nur falsch? Der von mir beschenkte bettler guckt mich böse an. Jetzt bin ich ein konkurrent. Als er verstärkung erhält und seinen kumpel mit einer geste auf mich aufmerksam macht, bekomme ich angst. Ich stehe auf und gehe zurück zur wohnung meiner freundin, schnappe mir ihr leergut und kaufe mir vom erlös eine tiefkühlpizza. Für den rest des tages bleibe ich in der wohnung. Das war heute schon wieder alles ein bisschen viel. Wenn ich heute abend meiner freundin diese geschichte erzähle, bekomme ich bestimmt wieder ärger. Auch betteln will gelernt sein, denke ich. Gleißendes sonnenlicht hin oder her.

der selbstmörder

„Ich will nichts anderes machen als das hier – und zwar in bestform – und erfüll mal wieder mit links die testnorm“ (dendemann)

ich sitze lesend auf einer parkbank in den bremer wallanlagen und bin glücklich. Das passiert mir in letzter zeit ein wenig zu oft. Das macht mir ein bisschen angst. Vielleicht liegt es ja auch nur am wetter oder an der dosierungserhöhung des antidepressivums.
Also, ein weiterer herrlicher sommertag, den ich zum glück in der natur und nicht in einem muffigen büro verbringe. Die weser fließt gelassen vorbei, die möwen kreischen und niemand scheint es eilig zu haben. Die sonne und die wärme scheint den menschen gut zu tun.
Neben mir auf einer weiteren parkbank sitzt ein älterer asiate, ca. mitte vierzig, im schatten. Ich tippe auf japan oder südkorea als herkunftsland. Sehr steif und ordentlich sitzt er da und starrt auf das vorbeifließende wasser. Graue bügelfaltenhose, kurzärmliges hellblaues hemd, unscheinbare frisur. Er macht keinen allzu glücklichen eindruck.
Vielleicht ist er, wie ich, arbeitslos und kommt damit nicht zurecht, reime ich mir zusammen. Haben ja ein ganz anderes ehrgefühl, diese japaner, meine ich zu wissen. Die koreaner wohl auch. Die schämen sich wenigstens noch, arbeitslos zu sein.
Meine gedanken ziehen weitere kreise und ich denke darüber nach, ob er vielleicht gleich eine pistole zieht und sich erschießt. Hoffentlich kein amokläufer, denke ich ganz egoistisch.
Anderseits waren die letzten drei jahre im vergleich zu den vorherigen derartig schön, dass ich damit leben könnte (bzw. dann nicht mehr), erschossen zu werden. Was für ein brutaler gedanke, überkommt es mich. Er macht mir sofort nach dem durchdenken angst. Aber ich bleibe dabei. Vielleicht haben die menschen am meisten angst vor dem tod, die mit ihrem leben unzufrieden sind und/oder nicht das leben leben, das sie gerne führten. Interessanter gedanke.
Ich glaube ferner, dass auch die menschen im hohen alter dem tod gelassener entgegensehen, die das gefühl haben, „ihr“ leben gelebt zu haben. Die frage müsste ich mal in meinem bekanntenkreis zur diskussion stellen.
Verhält es sich eventuell ähnlich mit der angst? Je unzufriedener, desto ängstlicher? Weiß nicht.
Je zufriedener, desto angstfreier? Möglich. Aber: ich kann nicht für jede meiner behauptungen eine untermauernde psychologische studie heraussuchen.
Während ich noch so vor mich hin sinniere, ist mein asiatischer selbstmord-nachbar im sitzen eingeschlafen. Zumindest wirkt es so: geschlossene augen und eine ruhige, gleichmäßige atmung. Eine pistole scheint er auch nicht bei sich zu tragen. Wohl zu unrecht des amoklaufs verdächtigt. Ich sollte manchmal etwas weniger herumphantasieren. Man kann ja nicht ständig irgendwelche leute zu unrecht verdächtigen. Als hätte er es gehört, schlägt er die augen auf und sieht mich fragend an. Ich blicke schuldbewusst zu boden. Andererseits: wer hat den hier den selbstmörder gemimt? Ich stehe auf und gehe zum weserufer. Dort angekommen höre ich einen knall, der an einen pistolenschuss erinnert, und weiß genau, dass er nicht von meinem vorherigen sitznachbarn stammt. Unzufrieden gehe ich nach hause.

ein text, nur für mich

Manchmal ärgere ich mich über die banalität meiner texte. Sie mögen ja meist ganz ordentlich, also in passablem deutsch geschrieben sein, aber es steht fast nichts drin. Von einer handlung oder einem spannungsbogen ganz zu schweigen. Der ich-erzähler, der mir überwiegend gleicht, eiert mit mehr oder weniger offenen augen durch die welt und beschreibt, was er sieht. In der regel geht das nicht über das vom leser wahrgenommene hinaus. Manchmal reicht es für ein nicken oder schmunzeln des lesers. Lachanfälle oder große gefühle werden nicht ausgelöst. Es ist, als fehlte mir der stoff zum schreiben. Vielleicht müsste ich mehr erleben oder mehr erlebt haben, um große geschichten zu schreiben. Aber ich kann mich doch nicht bewusst in eine heroinabhängigkeit stürzen, nur um ein buch wie „rohstoff“ von fauser oder „junkie“ von burroughs zu schreiben. Also keine erfahrungsberichte über illegale drogen, nur über die, die der leser selbst kennt. Außerdem nur geschichten aus osnabrück, bremen oder bonn und nicht aus new york, london oder paris. Ich könnte ja mal nach berlin fahren. Andererseits gibt es schon genug berliner geschichten.
Bukowski hat auch nur über seinen alltag und seine nähere umgebung geschrieben, fällt mir ein. Aber dieser und diese haben sich durch seinen dauersuff, nutten und pferdewetten oder gelegentliche lesungen doch vom alltag der (zumindest deutschen) leser wohl erheblich unterschieden.
Irgendeine zeitung, vermutlich die „zeit“ hat auf stuckrad-barres popularitätshöhepunkt sinngemäß geschrieben, vermutlich eine rezension zu „black box“: der autor hat nichts zu erzählen, aber er tut dies wunderbar. Oder so ähnlich. Ich erzähle in meinen geschichten oft noch weniger als er: ich hab nichts zu erzählen und tue dies auch nur mittelmäßig gut. Na toll.
Trotzdem ist mir das schreiben oft ein inneres bedürfnis; trost, befriedigung, selbstvergewisserung oder selbstgespräch mit befreiender wirkung.
Zum schreiben gehört aber auch das lesen. Das eine geht nicht ohne das andere; wenigstens gilt das für mich. Und so habe ich eigentlich immer etwas zu tun, da ich die mehrzahl der geschriebenen bücher noch nicht gelesen habe (und dies wahrscheinlich auch nie schaffen werde).
Wieder zurück zum schreiben: hatte ich früher nur ein tagebuch, das mehr und mehr zu einer art „aus-kotz-buch“ wurde, insbesondere im studium, reicht mir heute meist das schreiben von geschichten, um das meiste loszuwerden. Man könnte meinen, ich sei soweit mit meinem leben zufrieden, dass ein regelmäßiges schriftliches erbrechen nicht mehr nötig ist. Vielleicht stimmt das ja. Vielleicht verdränge ich aber auch nur alles unangenehme. Mal sehen, wann das verdrängte wieder hochkommt, an die innere schädeldecke klopft, und sich unaufhaltsam gehör verschaffen wird. Wohlmöglich gelingen mir ja dann geschichten mit mehr inhalt, mehr tiefe. Abwarten und weiter tippen.

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