Samstag, 20. Juli 2013

auf der eigenen beerdigung

auf dem weg nach lippstadt. Ich sitze im zug. Ziel ist das sterbebett meiner oma. Wie schrecklich das klingt: sterbebett. Als gäbe es ein bett speziell zum sterben. Als hätte man nicht jahrelang mal mehr, mal weniger gut darin geschlafen.
Meine eltern sind vorzeitig aus dem urlaub zurückgekehrt, weil die mutter meiner mutter wohl im sterben liegt. Oder im begriff ist, zu sterben? Naja, nach den zuletzt telefonisch durchgegebenen prognosen, wird sie wohl nicht heute und nicht morgen sterben. Ich fühle mich unwohl dabei, wie ich so unpersönlich und wenig einfühlsam darüber schreibe. Aber ich fühle auch keine trauer oder bedrücktheit. Meine oma ist über 90 und wahrscheinlich froh, wenn sie es geschafft hat. Die letzten monate waren für sie nur noch eine einzige quälerei. Auch die vorherigen jahre hat sie eigentlich nur noch auf den tod gewartet. Was soll da geheuchelte trauer?
Ich fahre also jetzt zu ihr, um mich zu verabschieden. Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich überhaupt die lange reise für einen kurzbesuch und eine verabschiedung zu lebzeiten auf mich nehmen soll. Das mag man mir zu recht vorwerfen. Aber alzheimerbedingt hat meine oma nach fünf minuten meinen besuch eh schon wieder vergessen. Trotzdem fahre ich jetzt hin.
Spielt es eine rolle, wie lange sich jemand an einen besuch, eine umarmung, an anteilnahme erinnern kann? Spätestens wenn wir tot sind, ist doch eh alles weg. Es zählt doch nur der augenblick.
Der besuch meiner oma geschieht nur für sie und für mich.
Nicht weil es andere von mir erwarten. Um konventionen oder erwartungen anderer kümmere ich mich schon länger nicht mehr. Ich werde auch nicht auf der beerdigung meiner oma erscheinen. Ich halte nichts von beerdigungen. Der tote hat nichts mehr davon. Eventuell noch die trauernden verbliebenen.
Ich fände eine „pre“-beerdigung gut, also eine feier, bei der man mit dem (wohlmöglich) bald versterbenden zusammen feiert und dessen leben noch mal revue passieren lässt.
Ich meine, mal eine geschichte gelesen zu haben, bei der ein alter mann unbedingt bei seiner „beerdigung“ anwesend sein wollte, also sehen und hören, wer erscheint und was über ihn gesprochen wird. Er löst das scheinbar unlösbare problem, indem er seinen eigenen tod vortäuscht, eine traueranzeige aufgibt und dann (verkleidet) auf seiner vermeintlichen beerdigung auftaucht. Super idee. Vielleicht mache ich es später auch so. also, liebe freunde, seid gewarnt.
Wenn ich in einer holzkiste liege und in der erde verscharrt werde, braucht niemand meiner bekannte erscheinen. Ich wünsche mir, dass meine freunde und verwandten mir die letzte ehre zu lebzeiten erweisen. Wenn sie nach meinem tod, bei einer guten zigarre und einem vernünftigen whisky, ab und zu an mich denken, bin ich damit vollkommen zufrieden. Amen.

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