Freitag, 26. Juli 2013

mottopartys und fremde krawatten

in meinem freundeskreis werden ab und zu mottopartys veranstaltet. Hierzu verkleiden wir uns in erster linie dem motto entsprechend. So wurden schon folgende motti kleidsam umgesetzt: „pimps and prostitutes“, „80er-jahre“, „cowboy und indianer“, „pink“, „helloween“ und schon mehrmals „oktoberfest“. Bei der oktoberfest-party entspricht natürlich auch die deko, das bier und das essen dem motto. Bei der „pimps and prostitutes“-party konnte leider niemand koks auftreiben und champagner gab es auch keinen. Dafür umso lustigere outfits. Besonders bei den männern. Die frauen sahen teilweise ganz schön heiß aus und wir männer mussten uns doch sehr zusammenreißen, um das motto nicht noch anderweitig umzusetzen.
Beliebter Ausstattungsort für diese partys ist ein muffiger second-hand-laden außerhalb von osnabrück, bei dem klamotten nach dem kilopreis abgerechnet werden. Schon der besuch dieses ladens sorgt für viele lacher: da werden neonfarbene ganzkörper-skianzüge anprobiert, komische kleider, hosen und hemden, bei denen man sich fragt, ob diese je ernsthaft getragen wurden.
Mir ist es manchmal ein bißchen unangenehm, wenn wir laut lachend in dem laden rumblödeln. Wir sind zum spass hier, für andere menschen ist es bitterer ernst: sie kleiden sich hier ein, um finanziell über die runden zu kommen. Ich hoffe, dass sie nicht denken, dass wir uns über sie lustig machen.
Gestern waren wir vor ort, um uns für das motto „karibik, meer, sonne“ (oder so ähnlich) einzukleiden. Wir wühlten wild die kleiderständer durch, wurden aber nicht fündig. Naja.
Schließlich blieb ich vor einem großen kasten voller gebrauchter krawatten stehen. Ein riesiges knäul. Ich fing an zu graben. Unglaublich, was dort für tolle, farbenfrohe, breit- oder schmalgeschnittene, irre, traurige, lustige, wilde, zahme, langweilige, sich jeder beschreibung entziehende krawatten zum vorschein kamen. Manche wirkten wie neu, andere hatten flecken oder branntlöcher; manche rochen leicht nach alt-männer-parfums, andere etwas muffig oder nach mottenkugeln; die meisten waren aus polyester, manche aus seide, ein paar wohl aus wolle und eine aus leder.
Je länger ich in dem haufen wühlte, umso mehr musste ich an die männer denken, die diese krawatten (wohl überwiegend) zu besonderen anlässen getragen hatten: hochzeiten, taufen, schützenfeste, runde geburtstage, beförderungsfeiern usw. auch wenn man das bestimmt schon hundertmal woanders gelesen hat: jede dieser krawatten schien eine eigene geschichte zu erzählen. Es hing von der eigenen phantasie ab, ob man sich dieser annähern konnte. Ob die krawatten ein wenig über ihre herkunft verrieten.
Ich hielt eine alte, komisch grün gemusterte krawatte in den händen, vielleicht aus den sechziger jahren, deren designer giorgio armani hieß. Die hat damals bestimmt ein vermögen gekostet, dachte ich, und war der ganze stolz des noch jüngeren modebewussten mannes, der vielleicht damit seine schwiegereltern beeindrucken wollte. Vielleicht hat der träger die krawatte sogar im urlaub in italien gekauft und musste beim umbinden der krawatte immer an diesen unglaublich heißen sommerurlaub und die scharfen italienerinnen am strand denken.
Eine andere krawatte, schlicht dunkelblau, ist noch zum krawattenknoten gebunden, ein einfacher windsor, und hat zwei (zigaretten-?)brandlöcher und mehrere (bier-?)flecke. Vielleicht hat ja damit ein schützenbruder das ende seiner ehe gefeiert oder eingeleitet. Mir kommt folgendes in den sinn: schützenfest in kleinkleckers-dorf, höhepunkt des jahres. Herbert saß wie immer zwischen seinen schützenbrüdern und kippte korn und bier, als gelte es, dafür einen preis zu bekommen. Er hatte sich vorher mit seiner maria gestritten, die ihn diesmal, das erste mal überhaupt, nicht zum schützenfest begleiten wollte. Unglaublich. Wie stand er denn jetzt da. Am ende des abends war er so besoffen, dass ihm mehrmals die kippe aus dem mund fiel und dabei auf seinem hemd landete, wobei aufgrund seines prächtigen bauches die zigarette zwei mal auf der krawatte zum liegen kam und so jeweils ein brandloch hinterließ. Die letzten biere wollten auch nicht mehr so leicht reingehen und es lief ihm jeweils aus den mundwinkeln ein bierrest am kinn herunter und tropfte auf die bereits ruinierte krawatte. Schließlich ist er dann, schon nicht mehr herr seiner sinne, mit uschi, der verblühten dorfmatraze, hinters festzelt gegangen. Diese hat sich bemüht, aber er war einfach zu betrunken. Später ist davon ein heimlich aufgenommenes foto in der schützenzeitung gelandet und hat seine ehe kaputt gemacht. Er hat die krawatte dann, so wie sie war, in den schrank gehängt und sie nie wieder angefasst. Eine stille anklage im schrank, bis zu seinem lebensende.
Solche gedanken kommen mir also, während ich die gebrauchten krawatten betrachte.
Dann finde ich eine, die man nicht binden muss, sondern nur mittels eines kleinen hakens am hemdkragen einhängen kann. Das finde ich derart lächerlich, dass ich mir zu dieser krawatte keine geschichte ausdenken will. Vielleicht hatte der träger nur noch einen arm oder gicht in den fingern? Nein, mir reicht es jetzt. Wir verlassen uneingekleidet den laden und fahren zu burger king, weil burger king die besseren burger und die krosseren pommes hat (steht an dieser stelle nicht zur diskussion) und ein ketchupbeschmierter pommes fällt auf mein hemd. Hätte ich eine krawatte getragen, hätte das einen fleck gegeben, über den sich gar nicht zu schreiben lohnen würde.

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