Mittwoch, 10. Juli 2013

bewerbungsgespräch mit ausländern

vor einigen monaten war ich auf dem weg zu einem bewerbungsgespräch für einen bescheuerten fließbandjob. Ein auf zwei monate befristeter ferienjob für studenten. Ganz gut bezahlt, sonst hätte ich mir den quatsch gar nicht erst angetan. Nicht weil ich auf bandarbeiter herabblicke; ich habe respekt vor menschen, die es täglich schaffen, sich zu diesen eintönigen jobs zu zwingen. Manche haben ja auch keine andere wahl (oder meinen keine wahl zu haben). Ich finde bandarbeit aber fast unerträglich langweilig.
Um 13 uhr sollten sich die arbeitswilligen studenten im konferenzraum des arbeitgebers einfinden. Als ich um 12.50 uhr leicht verschwitzt im gebügelten hemd und jeans den raum betrat, saßen schon drei andere dort. Vermutlich drei deutsche. Vielleicht auch polen. Warum die nationalität in dieser geschichte eine rolle spielt, klärt sich später noch auf. Einer trug krawatte - erschien mir etwas übertrieben - einer ein hemd und einer ein t-shirt. Im T-shirt zum bewerbungsgespräch? Warum nicht? Dachte ich. Es geht hier doch eh nur um einen aushilfsjob. Um kurz vor eins kamen noch zwei deutsche (oder polen, ich kann deutsche und polen oft schlecht äußerlich auseinanderhalten). Kurz nach eins erschien dann der mitarbeiter der personalabteilung, um uns die arbeitsverträge vorzulegen und näher zu erläutern.
Er zählte durch und stellte fest, dass erst die hälfte der erwarteten bewerber anwesend waren. Um fünf nach eins betrat ein arabisch aussehender student, den raum und setzte sich schnell. Gerade noch rechtzeitig. Als wir schon begonnen hatten, ca. 13.15 uhr, klopfte es an der tür und ein weiterer arabisch aussehender student kam herein, entschuldigte und setzte sich. Wir machten weiter mit den klauseln des arbeitsvertrages.
um 13.20 uhr betraten zwei schwarze studenten den raum. Sie trugen t-shirts und kurze hosen. Sie lachten miteinander und, ohne sich einer schuld bewusst zu sein, setzten sie sich. So wirkte es zumindest.
Um 13.30 uhr betrat nach kurzem klopfen ein weiterer schwarzer student den raum, bekleidet mit einem achselshirt, kurzer sporthose und flipflops. Er lächelte kurz den personalmitarbeiter an und setzte sich.
Warum erzähle ich diese geschichte? Sie lässt sich relativ einfach zusammenfassen: bei einem bewerbungstermin für studentenjobs kamen ca. die hälfte der bewerber leicht bis deutlich zu spät. Das ist keine geschichte.
Einer meiner freunde würde mir sogar vorwerfen, dass ich hier mit der nennung der rasse oder abstammung bzw. hautfarbe (der versierte leser merkt, dass dies nicht mein spezialgebiet ist) bewusst etwas bewirken will. Das stimmt. Aber ich will die zu spät gekommenen nicht diffamieren.
Mit den beiden zuletzt zu spät gekommenen habe ich mich später bei der langweiligen bandarbeit angefreundet und wir haben in den pausen viel zusammen gelacht. Sie haben mich nett und respektvoll behandelt und ich sie. Leider haben sich viele andere unbefristete bandarbeiter ihnen gegenüber nicht so verhalten.
Ich traue mich auch nur, den sachverhalt so darzustellen, wie er passiert ist, weil ich mich später mit den beiden schwarzen angefreundet habe.
Also, warum erwähne ich hier die nationalität oder rasse?
Ich wehre mich dagegen, dass man nicht darstellen darf, was passiert ist, nur weil andere sofort den vorwurf der ausländerfeindlichkeit oder des rassismuses bemühen.
Wäre es umgekehrt gewesen und alle deutschen wären zu spät gekommenen, dann hätte ich auch das beschrieben.
Außerdem lässt sich sagen, dass die schwarzen später viel genauer und gewissenhafter als die deutschen studenten gearbeitet haben, weil sie wussten, dass sie unter besonderer beobachtung stehen.
Ich ärgere mich aber über die ewige gleichmacherei: ich finde es viel verlogener und schlimmer, dort unterschiede zu leugnen, wo welche sind. Wir sind nicht alle gleich; vor dem gesetz schon, aber es bestehen eben doch (teilweise massive) kulturelle unterschiede. Warum sollte man das leugnen?
Ok, die schwarzen studenten hatten es nicht so mit der pünktlichkeit. Ja und? Sie erschienen zu einem bewerbungstermin lässiger angezogen als die deutschen. Ist das schlimm?
Dafür waren sie viel netter, bemühter und unterhaltsamer als ein großteil der deutschen arbeiter.
Die beiden schwarzen, mit denen ich mich angefreundet hatte, aßen teilweise andere sachen in den pausen, die sie in plastiktüten mit zur arbeit brachten. Sie wussten nicht, wie sie sich den weiblichen bandarbeiterinnen gegenüber verhalten sollten und gingen diesen aus dem weg. Sie haben viel mehr gelacht als die deutschen. Warum sollte man das nicht schreiben dürfen?

Ich will eigentlich nur sagen: unterschiede festzustellen, ist noch kein rassistischer akt. Die andersartigkeit des anderen aber nicht zu respektieren ist verwerflich.
Meiner meinung nach aber ist das abstreiten dieser andersartigkeit ebenso schlimm. Wie wollen wir friedlich und respektvoll miteinander umgehen, wenn wir uns nicht mal trauen, festzustellen, inwiefern wir oder andere sich voneinander unterscheiden?
Erst nach feststellung dieser unterschiede wissen wir doch, warum es hier und da vielleicht probleme im umgang miteinander gibt und wie wir es schaffen, uns einander anzunähern.

Jetzt ist dieser text fast fertig und ich weiß gar nicht, ob ich ihn hochladen soll. Andererseits interessiert mich aber auch die meinung meiner blogleser und mögliche kritik.
Habe ich mit diesem text ein „heißes eisen“ angepackt? Ich weiß es nicht. Sag du es mir, lieber leser.

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