es gibt so abende, da will ich unbedingt noch mal raus. Also raus aus den eigenen vier wänden, etwas erleben, ein paar bier trinken und in einer kneipe sitzen. Leider hält sich dieses bedürfnis nicht an die vorgeschriebenen wochentage, soll heißen: nicht am freitag oder samstag überkommt mich dieses gefühl. Es ist sogar eher so, dass dieses bedürfnis am häufigsten auftritt, wenn in der stadt überhaupt nichts los ist. Also bspw. Am sonntag, montag oder mittwoch. Und dann gehe ich in kneipen oder clubs, die mir eigentlich gar nicht so zusagen. Naja. Letzten sonntag war es dann mal wieder so weit: ich hatte meine freundin in den zug nach bremen gesetzt, saß allein in meiner wohnung, hatte am wochenende abends nichts großartiges unternommen und plötzlich um zehn uhr meldete sich das oben beschriebene raus-geh-bedürfnis. Im internet schnell noch geschaut, ob irgendwo etwas los ist und dann los. Eine mir bisher unbekannte kneipe lockte mit einer afterhourparty. An einem sonntag? Naja, mangels alternativen setzte ich mich aufs rad und fuhr dort hin. von außen betrachtet, schien es sich um einen ziemlich abgerockten, alternativen und mittelschwer versifften laden zu handeln. Genau richtig, dachte ich. Also mein altherrenfahrrad angeschlossen und hinein. Im fensterlosen, düsteren und eher übersichtlichen laden war nichts los. Ein paar leute spielten dart, zwei leute standen am kicker und einer saß an der theke. Na super. Ich setzte mich also an die theke und bestellte ein bier. Dabei kam ich mit der ca. fünfzigjährigen thekenkraft ins gespräch. Später stellte sich raus, dass sie auch inhaberin der kneipe ist und von allen nur liebevoll „mutti“ genannt wird. Ich kippte ein paar schnelle biere und sah mich dabei weiter um. Der ganze laden gefliest, künstliches licht und die wände schwarz gestrichen. wem´s gefällt, bitte sehr. Mancher abstellraum oder vorkriegskeller ist sicherlich gemütlicher. Erinnerte mich ein wenig, an diese „druck-räume“, in denen sich junkies einen schuss setzen können. Nur düsterer war es hier. Den druck müsste man sich hier direkt auf der theke setzen, um die vene zu finden, dachte ich noch. „mutti“ erzählte mir, dass sie hier viele konzerte veranstalten würden, vor allem heavy metall. Das wunderte mich jetzt angesichts des ambientes nicht. Leider sah ich an diesem abend überhaupt nicht nach heavy-metall aus. Gebügeltes rot-weiß-kariertes hemd, schmale lederschuhe und grüne barbour-jacke. Zum glück war ich wenigstens unrasiert. Mein auffälliges äußeres erklärte auch, warum mich die anderen gäste argwöhnisch beäugten. „mutti“ allerdings nicht. Sie schien an solch merkwürdige erscheinungen wie mich gewöhnt zu sein.
Der typ neben mir passte hier schon besser rein: lange ungepflegte haare, notdürftig zu einem pferdeschwanz zusammengefasst, kräftig bis dick, also eher dick, aufgequollenes gesicht, glubschaugen, die derart herausragten, als wäre in seinem schädel nicht mehr genug platz für die dinger, holzfällerhemd, eine art hose, nur größer und schwarze stiefel. Als ich mit „mutti“ über die angebotenen biersorten diskutierte – sie bevorzugte becks oder jever, ich hatte ein grolsch vor mir – mischte sich der benachbarte fleischberg ein: er hielt ein staropramen in der hand und dieses tschechische pils für das beste bier überhaupt. Voller stolz berichtete er, wie er eines abends bei einem besonders hitzigen metall-konzert „aus versehen“ davon eine ganze kiste getrunken habe. Erst bei muttis abrechnung sei festgestellt worden, dass er eine ganze kiste allein geschafft hatte. Nicht schlecht, log ich und dachte nur: herzlichen glückwunsch. Wenn das keine leistung ist. Wir unterhielten uns dann noch über musik, drogen und andere dinge, von denen er vorgab, einiges zu verstehen und ich ihm, um mich nicht gleich am ersten abend unbeliebt zu machen, häufig recht gab. Je länger das gespräch andauerte, umso anstrengender wurde es. Ich versuchte gegen die anstrengung anzutrinken, kam aber nicht hinterher. Irgendwann sagte mutti, dass es jetzt langsam reiche und sie den laden dichtmachen wolle. Ich, mittlerweile recht erschöpft, war sogar froh darüber, verabschiedete mich von „fleisch“ und „mutti“ und radelte mittelmäßig befriedigt nach hause. „warum tue ich mir sowas an?“, war die frage, die mich auf dem „nachhauseweg“ begleitete.
bratapfel-süß-sauer - 4. Jun, 18:23
wenn einem die eigenen ideen ausgehen, muss man sich eben bei anderen bedienen. Das tue ich heute. Der von mir geschätze, obwohl sehr medienpräsente, arzt, philosoph und schriftsteller manfred lütz darf mir heute seine gedanken leihen. Also eher nur eine kleine anekdote, aus seinem buch „bluff“. Dort geht es in einem kurzen absatz um fruchtbare mißverständnisse.
Zunächst noch zum autor: ich habe alle seinen bekannten, populären bücher mit großen interesse gelesen (lebenslust, gott – eine kleine geschichte des größten, irre – wir behandeln die falschen, Bluff – die fälschung der welt), finde vieles was lütz schreibt gut und richtig und kann seine bücher nur weiterempfehlen. Als geheimtipp können sie wohl dank monatelanger platzierung auf der spiegel-bestsellerliste nicht mehr gelten.
Also, die anekdote, die mich zum schmunzeln gebraucht hat, hat folgenden inhalt: „als amerikanische Gis damals zu millionen nach frankreich kamen, um die grande nation zu befreien, trafen sie auch auf fröhlich französinnen, die sie so begrüßten, wie das üblich war – in frankreich üblich war. Sie küssten die basserstaunten amerikanischen jungmänner nämlich auf beide wangen. Das war in frankreich kein besonderes zeichen von sympathie, sondern ganz normal. Für die verblüfften amerikaner war das aber eindeutig eine grenzüberschreitung, der beweis besonderer zuneigung, ja geradezu eine intimität. Da die französinnen aber darüber hinaus gewöhnlich recht attraktiv waren, ließen sich die amerikaner nicht lange bitten und küssten leidenschaftlich zurück, was wiederum die französinnen irritierte und interessierte. Und so entstand die amüsante situation, dass jede seite von der jeweils anderen seite einen völlig falschen eindruck bekam und sie für ungewöhnlich draufgängerisch hielt. Auf diese weise hatte die große amerikanisch-französische freundschaft am ende wegen eines kleinen kulturellen missverständnisses ausgesprochen fruchtbare kleine konsequenzen.“
ach, was für eine süße geschichte. Danke, manfred.
Da mir, wie schon gesagt heute nichts eigenes einfällt, noch eine kleine geborgte geschichte, die unter beteiligung eines nicht weniger medienpräsenten mannes im fernsehen zum besten gegeben wurde: es handelt sich um den von mir ebenfalls geschätzten, manchmal leicht nervigen, da klugscheißerisch anmutenden, richard david precht. Dieser hat seit September 2012 unter dem Titel „Precht“ eine Sendereihe zur Philosophie im ZDF. In der Sendung vom 9. Dezember 2012 durfte Robert Spaemann zum thema „Dürfen wir Tiere essen?“ - nein – nicht mitdiskutieren, sondern sich belehren lassen. Naja, das meine ich manchmal mit der anmutenden klugscheißerei. Der etwas verschlafen wirkende und mäßig schlagfertige prof. spaemann erzählte aber immerhin folgende schöne geschichte: einer seiner kollegen, ein prof. aus shanghai, habe in einem gasthaus „biber“ bestellt. Dann kam der kellner mit einem biber in einem käfig an den tisch, um dem gast zu zeigen, dass der biber noch frisch und lebendig ist. Daraufhin sagte der chinesische professor: „geben sie mir den ganzen biber. Ich kaufe ihn lebendig.“ Und letztlich landete der biber dann gesund und munter, und vor allem ungeschlachtet und ungegessen, im shanghaier zoo und tobt dort heute mit anderen bibern herum.
Das entscheidende an der geschichte: als der prof. den lebendigen biber gesehen hatte, wollte er diesen nicht mehr für sein mittagessen töten lassen.
Nun, ich esse zwar wenig fleisch, bin aber kein vegetarier. ich habe manchmal ein schlechtes gewissen, dass ich bei den heutigen (teils grausamen) massentierhaltungen noch fleisch esse. Vielleicht gingen wir ja mit fleisch anders um, wenn wir die zu tötenden tiere auch vorher gezeigt bekämen. Ich werde darüber wohl noch ein wenig nachdenken müssen.
bratapfel-süß-sauer - 31. Mai, 10:54
Der druck steigt. Die zeit wird knapp. Eigentlich ist es ein selbstauferlegter druck. Meine mutter hat in zwei wochen geburtstag, ich habe versprochen, ihr meine dritte geschichtensammlung zu schenken, und nun habe ich in den letzten wochen fast nichts geschrieben. Ich fühle mich unter druck gesetzt. Ich kann doch unter druck nicht arbeiten. Ohne aber auch nicht. Eigentlich arbeite ich grundsätzlich nicht so gerne. Naja, das ist schon wieder eine andere geschichte. Ich habe eine (gefühlte) bringschuld: ich muss liefern, sprich: in den nächsten zwei wochen so viel schreiben wie möglich und dann hoffen, dass einiges davon lesenswert erscheint. Im bürgerlichen gesetzbuch unterscheidet man „hol-, bring- und schickschuld“, kommt mir in den sinn. Dabei geht es meines erachtens in erster linie um haftungsrechtliche fragen. Das interessiert mich aber schon lange nicht mehr. Ich gebrauche den begriff „bringschuld“ hier im umgangssprachlichen und nicht im technischen sinne, also nicht als sog. „terminus technicus“. Was für bedeutungsschwere wörter. Würden den einen oder anderen vielleicht gar beeindrucken. Ich halte es für pure wichtigtuerei, mit fremdwörtern um sich zu schmeißen.
Also, noch mal: ich befinde mich in einer bringschuld und muss liefern. Andererseits schreibe ich die meisten meiner bloggeschichten einfach so runter, ohne diese groß zu überarbeiten oder vorher über die themen viel nachzudenken. Die ideen kommen mir beim schreiben. Ein satz reiht sich an den anderen und manchmal ist am ende eine stimmige geschichte daraus geworden. Warum sollte mir also in den nächsten zwei wochen nicht gelingen, was in den letzten monaten immer wieder geklappt hat.
verehrte angst, geschätzter selbstzweifel: ihr seid jetzt nicht dran!
Um euch kümmere ich mich später. Manchmal hilft es wohl, weniger zu denken und stattdessen die dinge einfach zu machen. Klingt ja, wie bei einem seminar für angehende manager, meldet sich ein vorlauter gedanke. Manchmal möchte ich meine gedanken anbrüllen: ruhe jetzt, schön der reihe nach, nicht alle durcheinander, hier versucht einer zu arbeiten. Aber sie kümmern sich nicht drum; machen, wie schon beschrieben, was sie wollen. Je mehr man um ordnung bemüht ist, umso eher tanzen sie aus der reihe. Jetzt drängt sich ein gedanke an vanilleeis mit heißen kirschen in den vordergrund. Verdammt, wie soll man so arbeiten?
Zusammengerissen und weiter: mich verfolgt also beim schreiben immer eine unterschwellige angst, dass das geschriebene nicht gut genug ist; beim leser nicht ankommen wird. Daher bin ich immer sehr froh, wenn mal wieder eine meiner leserinnen einen beitrag lobt. (vanilleeis-mit-heißen-kirschen meldet sich schon wieder; nein, jetzt nicht, blöder arsch-gedanke!) Vielleicht fehlt mir als urheber ja auch die distanz zu den eigenen texten. Fremde texte kann ich meiner meinung nach ganz gut beurteilen (und noch besser kritisieren).
Zum glück fallen mir jetzt ein paar themen ein, über die ich noch schreiben wollte. Ich notiere sie schnell auf einem notizblock. So, der anfang ist gemacht. Ich habe ein ziel: meiner mutter eine neue geschichtensammlung zum geburtstag zu schenken. Wahnsinn, wenn das nicht motiviert und treibt. Andere schreibende schreiben um ihr leben, um den schmerz und den wahnsinn loszuwerden, um sich zu finden oder zu verlieren ... und ich kämpfe um ein lob von mutter. Man muss halt wissen, worauf es ankommt. Vanilleeis mit heißen kirschen? Verdammt, ich muss wohl noch mal schnell zu aldi, bevor ich mit der arbeit anfangen kann.
bratapfel-süß-sauer - 31. Mai, 09:26
wer kennt es nicht, das problem? Die freundin hat einen platten, also nicht hintern, sondern am fahrrad. Der reifen ist nicht mehr bereit, die luft zu halten und will repariert werden. Weniger technisch versierte menschen, wie florian illies, bringen dann ihr fahrrad zur reparatur zum fahrradhändler, andere überschätzen sich und versuchen es selbst.
Nun ist es so, dass meine freundin handwerklich relativ geschickt ist und zunächst allein versucht hat, den defekten schlauch zu flicken. Den flicken entsprechend zu platzieren und festzukleben hat wohl soweit auch geklappt, aber als sie anschließend den geflickten schlauch unter den mantel schob, hat sich dieser wohl so unglücklich verdreht, dass der schlauch beim anschließenden aufpumpen irreparabel geplatzt ist. An dieser stelle wurde ich eingeschaltet – meines zeichens fahrradexperte. Natürlich kann ich über verdrehte schläuche und geplatzte reifen nur lachen. Typisch frau, dachte ich.
am wochenende in bremen wollte ich also nebenbei die professionielle reparatur vor den augen meiner freundin durchführen. Damit sie mal sieht, wie das geht, dachte ich bescheiden. Für einen profi wie mich ist das eine sache von 15 minuten.
Wir gingen also los, um einen fahrradschlauch zu besorgen, wobei ich meiner freundin glaubhaft versicherte, dass es sich um einen 26er-Reifen handele und wir vorher, wie von ihr vorgeschlagen, nicht auf dem mantel nachschauen müssten. So kauften wir also einen 26er-schlauch mit dunlop-ventil und wieder zu hause hatte ich ruckzuck den mantel auch von der felge gehoben.
Dann wunderte ich mich, warum das loch in der felge für das ventil zu klein war. Ok, falsches ventil gekauft, beschämtes lächeln, zurück zum laden, umtausch, 26er-schlauch mit französischem ventil und wieder zurück. Dieses ventil passte. Jetzt stellten wir aber fest, dass der schlauch für die felge irgendwie zu klein war. Ich schimpfte auf die fahrradindustrie, die, um material zu sparen, die schläuche zu kurz mache und riet meiner freundin, den schlauch noch vor dem einsetzen erst mal kräftig aufzupumpen, damit dieser sich ausdehne und sich um die fehlenden zwei zentimeter weite. Gesagt, getan, aufgepumpt, gedehnt, gezogen, geschimpft, gebetet, der schlauch passte immer noch nicht.
Jetzt kam meine freundin auf die idee auf dem mantel mal nachzuschauen, ob es sich um eine 26er-oder 28-er-Reifengröße handelte. Unverschämtheit, nicht meinem geschulten auge zu vertrauen. Und sie da: es war ein 28er-reifen.
Dafür hatte ich jetzt auch keine erklärung: stattdessen steckte ich, nun meiner souveränität vollends beraubt, in windeseile den 26er-schlauch in die verpackung und begab mich schnellen schrittes zum umtausch zum fahrradgeschäft. Ein böser blick meiner freundin folgte mir und ich wusste, weitere fehler kann ich mir heute, ohne meine beziehung zu gefährden, nicht erlauben. Im laden griff ich nach den 28er-schläuchen und hätte um ein haar wieder ein dunlop-ventil mitgenommen. Schließlich gelang es uns gemeinsam, den austausch erfolgreich abzuschließen. Dabei brach ich noch einen schraubenschlüssel ab und behauptete noch anderweitigen unsinn. Ich glaube, dass meine freundin nach diesem missgeschick nicht mehr an meine fähigkeiten als fahrradexperte glaubt. Ich übrigens auch nicht mehr. In zukunft werde ich ihr wohl die reparatur technischer geräte überlassen. Manchmal denke ich: was bist du nur für eine pfeife?
bratapfel-süß-sauer - 28. Mai, 12:26
in osnabrück findet zwei mal im jahr ein sogenannter mitternachtsflohmarkt statt. Hierzu darf jeder der lust und zeit hat, einen stand in der osnabrücker innenstadt aufbauen und samstagabends von 20 uhr bis zum nächsten sonntag 12 Uhr seinen kram verkaufen und zahlt, soweit ich weiß, nicht mal eine standgebühr. Natürlich sind die plätze an der haupteinkaufsstraße die begehrtesten, da sie den größten umsatz versprechen. Das führt dazu, dass bereits am samstagmorgen einige leute auf campingstühlen ihren standplatz oder platzstand belegen und vor feindlicher übernahme schützen. Ein handtuch reicht hier nicht aus. Einige weniger motivierte stellen einige bananenkartons auf, markieren mit kreide ein rechteck auf dem boden und schreiben ihren namen dazu. Manchmal passiert es, dass ein ladenbesitzer die kartons vor seinem laden nicht haben möchte und diese entfernt. Dann besetzt ein anderer flohmarktverkäufer den platz und es kommt beim aufeinandertreffen von dem kartonreservierer und dem späteren platzbesetzer zu einer verbalen (selten handfesten) auseinandersetzung. Schließlich lockt das große geld.
Und genau über diesen flohmarkt wollen meine freundin, eine freundin und ich um halb zehn abends schlendern. Schlendern ist hier gar nicht so einfach. Der menschenandrang ist so groß, dass daraus ein schieben, drücken und stossen wird.
Da es bereits dunkel geworden ist, muss man manchmal sehr dicht an die stände herantreten, um im diffusen licht der straßenlaternen zu erkennen, was hier feil geboten wird. Besser ausgestattete haben eine taschenlampe dabei, profis eine stirnlampe und sehen damit aus wie übermotivierte höhlenforscher kurz vor der jahrhundertentdeckung. Hätte ich hier einen stand, würde ich mich strikt weigern an einen menschen mit stirnlampe etwas zu verkaufen. Man muss doch einen rest anstand bewahren. Schließlich befinden sich hier auch kleine kinder. Nachdem wie einige stände und gefühlte tausend personen hinter uns haben, sind wir erstaunt, was manche doch für einen plunder anbieten. Die uns begleitende freundin sagt passend: „dieses zeug haben wir doch vor zwanzig jahren selber bereits weggeschmissen.“ damit hat sie recht. Aber es gibt auch andere anbieter, bei denen ich regelrecht auf eine kleine zeitreise in meine kindheit und jugend gehe. Da liegen bücher und cds, die ich mit 12 jahren gelesen und gehört habe, da gibt es spielekonsolen, um die sich wohl manches museum reißen würde, vhs-videokassetten wünschen sich, noch einmal abgespielt zu werden oder actionfiguren aus anderen jahrzehnten hoffen trotz martialischem gesichtsausdruck auf liebkosung durch einen drei-käse-hoch. Der größte teil dieser dinge wird nur bestaunt und nicht gekauft.
Naja, genau wie ihre verkäufer sind auch die meisten stände: manche schön, liebevoll dekoriert, mit tollen sachen; andere ungepflegt und mit unverkäuflichem plunder.
Mich interessieren eigentlich nur bücher. Und so werde ich auch bald fündig und kaufe einige. Beim herunterhandeln des preises stelle ich mich nicht so geschickt an. Die frauen bleiben an jedem schmuckstand hängen oder erfreuen sich an selbstgenähten taschen, tüchern und textilien (man beachte die fast geglückte alliteration).
Eine junge türkin feilscht gestenreich um ein paar kinderklamotten. Ihre gegnerin, nicht viel älter, und wohl auch mutter, hält dagegen. Es geht hin und her. Was für ein einsatz, um zwei euro zu sparen, denke ich. Die betagte grauhaarige mutter der verkaufenden jungen mutter schaltet sich schließlich aus dem hintergrund ein und ruft: „das ist ja hier wie auf dem türkischen basa...“ das letzte wort bleibt ihr im hals stecken. während sie es ausspricht, ist ihr wohl bewusst geworden, dass sie eine türkin vor sich hat und diese den ausruf als beleidigung verstehen könnte. Beschämt nimmt sie wieder auf ihrem campingstuhl platz. Wir zuhörer grinsen und freuen uns über das getroffene fettnäpfchen.
Einige meter weiter kommen wir mit einer – wohl frühpensionierten – lehrerin ins gespräch, die ganz andere sachen anbietet als ihre nachbarn. Es handelt sich dabei um mitbringsel aus aller welt, gekauft von ihrem mann auf den gemeinsamen weltreisen: nachgemachte ming-vasen aus china, tongefäße aus mexiko, schnitzereien aus afrika usw.. ihr mann kaufe die sachen und sie schaffe dann ab und zu platz für neue mitbringsel, damit ihre tochter, wenn diese mal das haus erbt, mit dem ganzen zeug nicht unnötig belastet werde. Das leuchtet uns ein. Gern würden wir etwas kaufen, aber auch wir wollen uns nicht unnötig belasten. So plaudern wir noch ein wenig übers reisen und tun so, als verstünden wir etwas davon. Meine letzte auslandsreise ist jahre her. Schließlich gönnen wir uns noch zwei kugeln eis beim italiener, wobei ich die in der bloßen hand gehaltene waffel nicht mitesse, da ich mir nach flohmärkten immer ein wenig schmutzig und ungewaschen vorkomme. Wir sind uns abschließend einig, dass wir eigentlich nichts von dem gebrauchten krempel brauchen, fanden den abend aber sehr unterhaltsam und gehen zufrieden nach hause.
bratapfel-süß-sauer - 27. Mai, 18:06
So geht das nicht. Auf kommando küsst einen die muse nicht. Also mich jedenfalls nicht. Ich sitze vorm laptop und will über das vergangene wochenende schreiben. Ein wilder trip in die weltstadt hemmoor; der name klingt schon nach abenteuer, verrauchten bars und leichten mädchen. Nein, es ist eher ein kleines norddeutsches kaff mit reetgedeckten häusern und ruhigen, ausgeglichenen bewohnern. So zumindest unsere herbergseltern. Ich hatte mir überlegt, dass ich einen abend unseres trips aus der sicht drei verschiedener mitgereister darstellen werde und so deutlich mache, wie unterschiedlich die leute den abend (möglicherweise) wahrgenommen haben. Der eine hat sich amüsiert, der nächste war genervt und der letzte hat sich vielleicht ernsthafte gedanken gemacht, dann aber trotzdem mitgesoffen.
Als ich mich also mit stift, papier, kaffee und zigarillo hinsetzte, um zu schreiben, merkte ich schnell: das geht so nicht. Ich kann mich nicht richtig konzentrieren. Und heute noch weniger in andere leute hineinversetzen. Auch weiß ich nicht, was wohl vom wochenende erzählenswert ist.
So stockt die ganze geschichte schon am anfang, bis ich mich darauf besinne, dass ich, wie sonst auch, am besten einfach nur losschreibe, ohne mir allzu viele gedanken zu machen, und am ende gucke, ob es teilweise verwertbar ist.
Nun, für die unbeteiligten (und vielleicht schon gelangweilten) blogleser eine kleine einführung: ich habe das glück, über einen relativ großen freundeskreis in osnabrück zu verfügen, der es – trotz mittlerweile teilweise massiver beruflicher belastung – immer wieder schafft, gemeinsam etwas zu unternehmen: dann kommen bis zu 20 leute zusammen und feiern zusammen geburtstage, silvester, hochzeiten, weihnachtsfeiern usw. oder setzten sich einfach nur so in ein restaurant oder eine kneipe. regelmäßig artet es in ein großes besäufnis oder ein großes fressen aus, oft auch in beides. Die frage drängt sich da schon auf: kommen wir zusammen, um uns alle mal wieder zu sehen oder geht es um die ungezügelte nahrungsmittelaufnahme?
Höhepunkt unserer unternehmungen sind dann die sog. „klassenfahrten“: für zwei, drei übernachtungen werden die koffer gepackt und dann geht’s nach hemmoor, wo uns die eltern eines gruppenmitglieds hemmungslos bewirten.
Wir fallen ein wie eine heuschreckenplage, tun so, als freuten wir uns, die eltern wiederzusehen – großes hallo, küßchen links, küßchen rechts - und können es gar nicht erwarten, dass es endlich etwas zu essen gibt. Und natürlich zu trinken.
So wirft dann der herbergsvater auch den grill an und wir setzten uns erwartungsvoll an die noch ungedeckte festtafel. es landet nach und nach ein geschossener hirsch und ein überfahrenes wildschwein auf dem grill und wir trinken dazu bier und schnäpse jeglicher art und güte, die wir natürlich nicht selber mitgebracht haben, und schauen der mutter dabei zu, wie sie zwischen küche und festtafel die speisen hin und her trägt und dabei vor lauter anstrengung rote bäckchen bekommt. Ein paar versuchen sich einzuschleimen und tragen auch ein paar schüsseln, aber die meisten wissen, was sich gehört, bleiben sitzen und wundern sich, warum es so lange dauert, bis einige wenige den tisch gedeckt und aufgefüllt haben. Komischerweise ist die mutter häufig die erste, die ins bett geht.
Voller ungeduld bekämpfen einige das quälende hungergefühl mit alkohol. Alkohol auf nüchternen magen ist ja bekanntlich gefährlich. Das essen wird aber gerade noch rechtzeitig serviert. Einige hängen nach dem zehnten schnaps schon bedenklich schief auf ihrem stuhl. Stadtmenschen eben, können nichts ab, denken wohl Vater und sohn der herbergsfamilie und sind selbst diesbezüglich wesentlich stabiler. Kurzzeitig wird es am tisch etwas ruhiger, da die meisten mit kauen und schlucken beschäftigt sind. Die unruhigen nur mit schlucken und nachspülen. Warum kauen, wenn der magen das unter mithilfe einiger schnäpse auch noch alleine schafft? Wie gesagt, die münder sind kurzzeitig gefühlt und nur wenige schaffen es, mit vollem mund noch weiterzureden. Wenig später steigt der lärmpegel schon wieder an, es wird gelacht, gebrüllt oder pikiert geguckt. Einige amüsieren sich, einige ärgern sich, andere menstruieren. Jeder wie er kann. Das geht dann mehrere stunden so weiter, während sich die schnapsflaschen leeren und sich die mägen der festgäste entsprechend füllen. Die gespräche werden immer sinnfreier, dafür wird mehr gelacht und gegrunzt und irgendwann verschwimmt erst die sicht, bis schließlich der rest des abends in einem undurchsichtigen, wabernden nebel verschwindet. Am nächsten morgen sind der nebel weg und die kopfschmerzen da. Schmerztablette, sonnenbrille und mit gequältem gesichtsausdruck an den (noch nicht gedeckten) frühstückstisch. Dann wird tagsüber irgendetwas unternommen, bspw. Eine wattwanderung oder besichtigung, die man als pflichtprogramm verkatert irgendwie durchsteht. abends wird schließlich wieder der grill angeworfen und das ganze geht von vorne los.
Wir waren auch schon mal in einer Wanderhütte im harz: dort mussten wir uns aber selbst bewirten und versorgen. Das hat den meisten nicht so gefallen. Daher freuen wir uns alle wieder auf das nächste wochenende in hemmoor. Vielen dank noch mal an die herbergseltern, insbesondere die mutter!
bratapfel-süß-sauer - 14. Mai, 18:34
Es ist 6.15 uhr und ich stehe mit kaffee und kippe am offenen fenster. Ich war gestern so früh im bett, dass ich bereits um sechs nicht mehr schlafen konnte. Ich bin also nicht extra zeitig aufgestanden, habe nichts besonderes vor oder etwas in der art. es ist also mehr ein zufall, dass ich früh morgens am fenster stehe. Die sonne ist auch schon wach und kämpft sich langsam am himmel hoch. ich sage gedanklich „Guten Morgen, sonne. Auch schon wach?“. Jetzt öffnet sich eine tür im gegenüberliegenden nachbarhaus und eine blonde endzwanzigerin beginnt die mülltonnen an die straße zu stellen. Sie tut dies sehr souverän und voller vitalität. Jeder handgriff sitzt. Sie muss nicht korrigieren und am ende stehen vier mülltonnen ordentlich nebeneinander, mit dem griff zu straße, so dass die müllmänner diese bequem greifen können. In einer rekordzeit. Wie kann man morgens ums sechs schon so fit sein?, frage ich mich.
Und dann gehen die gedanken noch weiter: es gibt so leute, bei denen jeder handgriff sitzt. Macher eben, stets unter strom; sie machen einfach ohne sich von unnützen und quälenden gedanken ablenken zu lassen.
Dann gibt es auf der anderen seite die zögerer und zauderer, die vor jeder aufgabe und handlung inne halten und lieber noch mal darüber nachdenken, anstatt die aufgabe einfach zu erledigen. Oder die träumer. Die gedanklich nie so richtig bei den zu erledigenden aufgaben sind. So einer bin ich. Vielleicht ist das ja auch der grund, warum die träumer oft im alltag versagen. Beim auto fahren sind wir gedanklich schon angekommen und diskutieren innerlich bereits mit den freunden noch nicht aufgetretene unstimmigkeiten. Dann fahren wir, während wir emotional erregt, den freunden dies oder jenes vorwerfen, dem vordermann hinten ins auto und merken in dem moment, dass wir wohl noch nicht angekommen sind.
Beim einkaufen sind wir gedanklich schon beim kochen und vergessen dann die hälfte, so dass es zum kochen gar nicht mehr kommt.
Es geht noch weiter: Will ich ausnahmsweise mal sport treiben, mache ich mir vorher gedanken, ob ich auch wirklich fit bin und nicht vielleicht erkältet oder dergleichen und je mehr ich in mich hineinfühle, desto kränklicher komme ich mir auf einmal vor. Leichte halsschmerzen, ganz schlapp und kraftlos. Dann lege ich mich sicherheitshalber ins bett, da ja wohl eine krankheit heraufzieht bzw. mindestens eine erkältung im anmarsch ist und beginne zu lesen. Während ich etwas unterhaltsames, seichtes und belangloses lese, überlege ich, ob es nicht sinnvoller wäre, etwa ein sachbuch zu lesen, um etwas zu lernen. Ich lege also den roman weg, beginne mit dem sachbuch, (bspw. Irgendwelche philosophischen schriften, von denen ich nur die hälfte verstehe) und ärgere mich, dass ich nicht den roman weitergelesen habe. Dann nehme ich ein leichteres wissenvermittelndes buch (bspw. irgendeinen R.D. Precht), beginne zu lesen, freue mich kurz über die gute verständlichkeit, halte mich dann aber nach kurzer zeit für einen dünnbrettbohrer. So geht das noch ein bißchen hin und her und irgendwann schlafe ich dann ganz erschöpft ein. Am ende des tages wundere ich mich dann manchmal, wo die ganze zeit geblieben ist und ärgere mich, nicht mehr geschafft zu haben. Anstatt dann aber aufzustehen und noch etwas handfestes zu tun (putzen, aufräumen usw.) mache ich mir lieber gedanken über mein beinahe (oder bereits ?) verpfuschtes leben und frage mich, ob nicht meine antriebsschwäche auf einer schweren kindheit beruht. Meine möglicherweise schwere kindheit werfe ich dann, wieder nur gedanklich, manchmal auch tatsächlich, meinen eltern vor und komme zu dem schluss, dass es ja nicht an mir liegt und ich für mein tägliches versagen gar nichts kann. Ich müsste meine kindheit wohl mal therapeutisch aufarbeiten, überlege ich mir. Dass dauert aber bestimmt lange. Und wer weiß, ob so eine therapie erfolg hat. Schließlich bin ich bestimmt ein schwerer fall. Nach einigem hin und her, pro und contra, elan gegen trägheit, lege ich mich dann, kurzzeitig vom schlechten gewissen befreit, wieder ins bett, bemitleide mich ein wenig, beruhige mich mit dem gedanken, dass ich es nun wirklich nicht leicht habe, aber nichts dafür kann und der situation ja völlig ausgeliefert bin, nehme mir einen leichten roman und bin kurzzeitig zufrieden. Bis das spiel „roman versus sachbuch“ wieder von vorne losgeht.
Nach all dem bisher geschriebenen frage ich mich, ob die begriffe „träumer“ oder „zögernder zauderer“ noch passen. Im moment komme ich mir eher wie ein bequemer, verantwortung von sich schiebender, fauler sack vor. Jetzt fühle ich mich schlecht. Ich glaube, ich werde mich sicherheitshalber wieder ins bett begeben. Warum habe ich es nur so schwer? Wenn ich ausgeschlafen habe, kann ich ja einen seichten roman lesen. Oder ein sachbuch. Mal sehen, ob ich es schaffe.
bratapfel-süß-sauer - 7. Mai, 07:29
jetzt muss es schnell gehen. Beim einkaufen sind mir eben ein paar ideen gekommen, die es vielleicht aufzuschreiben lohnt. Ich sitze vollständig ausgerüstet auf einer parkbank in der sonne: stift, papier, sonnenbrille und zigarillos. Eben habe ich mein frühstück (zwei buttercroissants und einen latte macciato) bei aldi gekauft. in letzter zeit ist nämlich, besonders morgens, nichts essbares im haus. Wer ist schon bereit, den tag mit einer tüte chips und bier zu beginnen? Meine freundin lässt mich in meiner wohnung völlig verwahrlosen; kümmert sich um nichts. Während ich noch an einem croissant-rest nage – beim begriff croissant muss ich immer an die rüdiger-hoffmann-geschichte denken, in welcher er in frankreich den franzosen erklärt, dass man milchhörnchen doch nicht aus blätterteig machen dürfe, dann würden diese nämlich beim essen auch nicht zerbröseln – herrlich – der einschub ist jetzt länger geworden als zunächst beabsichtigt: also, während ich noch an einem croissant-rest nage, taucht ein rotgesichtiger rentner mit – natürlich beigefarbener – sommerjacke auf und untersucht die benachbarten büsche und hecken. Mir kommt in den sinn, dass er wohl einen platz sucht, um den von seiner prostatavergrößerung ausgehenden druck zu verringern. Vielleicht will er mir auch nur seinen pillemann zeigen. Von mir aus. Mich lässt sowas kalt. Wenn es ihm genuss verschafft, mir sein verschrumpeltes würstchen zu zeigen, bitte sehr; bei mir darf er das. Anscheinend hat er eine passende ecke außerhalb meiner sichtweite gefunden und tritt zwei minuten später wesentlich entspannter wirkend aus dem gebüsch. Er tut so als wäre nichts gewesen. Wohl doch kein perverser, nur ein kleiner pisser. Bei dem gedanken muss ich grinsen.
Beim thema perversion fällt mir jetzt wieder etwas anderes ein: als ich vorhin an der aldikasse stand, bemerkte ich neben der kasse tetrapacks, der aldieigenen biomarke: und jetzt kommt´s: rote-beete-saft und sauerkrautsaft. Ich konnte es erst gar nicht glauben: Sauerkrautsaft! Rote-beete-saft, naja, es gibt ja auch menschen, die möhren- oder tomatensaft trinken. Aber sauerkrautsaft. Unglaublich. Während ich noch so darüber nachdachte und die mich anstarrenden menschen mit drohendem blick zurückanstarrte – ich hatte mal wieder meine sonnenbrillengläser hochgeklappt und meine rentner-fashion-wear an – war ich plötzlich außerhalb des ladens und wusste: jetzt helfen nur noch zigarillos. Und so steuerte ich schnurstracks (was für ein wort) die nächste parkbank an.
Ich hatte zwischendurch noch andere gedanken: u.a. die angst, dass mich leute in meinem alter in teuren autos überholen und dieser überholvorgang vielleicht nicht nur auf den straßenverkehr beschränkt bleibt.
Ferner dachte ich an hitler, Haffners „anmerkungen zu hitler“ in meiner tasche, und daran, wie sehr diese person das land, indem ich aufgewachsen bin, doch geprägt hat.
Aber irgendwie passten diese gedanken dann nicht zum oberen text und ich habe sie übergangslos und außerachtlassung ihrer gewichtigkeit einfach nur hinten angestellt.
bratapfel-süß-sauer - 18. Apr, 17:30
musste den letzten artikel leider vorübergehend offline setzen. er taucht aber in drei wochen wieder auf. plus erklärung. sorry
bratapfel-süß-sauer - 15. Apr, 10:18