draußen ist es kalt, grau und wolkenverhangen. In mir drin auch irgendwie. Ich will nicht jammern; tue es aber trotzdem. Ein typisch deutscher sommer, denke ich. Na toll. Ich sehne mich nach sonne, hitze und sandstrand (zur not reicht auch das öffentliche freibad). Vielleicht fahren deshalb immer noch genug deutsche nach italien. Oder nach spanien. Kann ich mir nicht leisten.
Der monat ist fast rum und am ende des geldes ist bei mir immer noch ein rest monat übrig. Und die letzten tage werden dann mit sehr wenig geld bestritten. Das finde ich so lange nicht schlimm, bis selbst für das essen kein geld mehr da ist. Im moment befinden sich in meinem Portemonnaie 37 cent. Das ist nicht viel, denke ich. Reicht nicht mal für ein bier. Dann sammle ich die leeren pfandflaschen und -dosen in meinem wohnzimmer ein. Das müssten ca. 3 € pfandgeld sein. Na immerhin. sorgt armut eigentlich für ordnung? Frage ich mich. Ich ziehe meine bequemen schuhe an, schaue kurz in den spiegel – das ergebnis stellt mich nur mäßig zufrieden – und mache mich auf den weg zum naheliegenden supermarkt. In drei tagen gibt es schönes frisches geld aus dem automaten. Die gilt es noch durchzuhalten.
Ich gehe an einer trinkhalle vorbei, in der ich noch nie saß. Warum eigentlich nicht? Sieht doch ganz gemütlich aus. Hinter der trinkhalle versucht eine kleine frau, vielleicht ende vierzig, rotverfärbter kurzhaarschnitt, an einem automaten zigaretten zu ziehen. Sie schafft es auf zehenspitzen gerade so dem automaten ihre ec-karte zwecks altersnachweis reinzudrücken. Entweder ist sie zu klein oder der automat hängt zu hoch. Ich will ihr schon hilfe anbieten, da halte ich gerade noch inne: vielleicht fühlt sie sich bevormundet oder diskriminiert, wenn ich ihr helfe. Vermutlich möchte sie nicht ständig auf ihre größe, also kleinheit, reduziert werden. Ich komme langsam näher. Jetzt schiebt sie mit hilfe eines feuerzeugs münzen in die münzannahmestelle. Das ist ja mittlerweile bei den neuen automaten kein schlitz mehr, sondern ein hervorstehender arm. Es scheint ihr recht schwer zu fallen. Ich gehe einfach an ihr vorbei. Bin mir dann aber nicht mehr sicher, ob das jetzt richtig war. Herrgott, ist das leben kompliziert. Ich summe herberts lied „gebt den kindern das kommando, denn sie wissen nicht was sie tun“ vor mich hin.
Ich betrete den supermarkt und beschließe, nur das notwendigste zu kaufen: nudeln, tomatensauce und zigarillos. Als ich an der kasse nach den zigarillos greife, werde ich vom personal argwöhnisch beäugt. Mir hat mal eine rewe-kassiererin erklärt, dass fast achtzig prozent der moods-zigarillos in ihrem markt geklaut werden. Schuldbewusst gucke ich zu boden und komme mir wie ein ladendieb vor. Ich schleiche aus dem laden und zünde mir einen bezahlten zigarillo an.
Noch nicht ganz zu hause erblicke ich eine parkbank, die an einen kinderspielplatz angrenzt und nehme auf dieser platz. Hoffentlich hält mich keine übereifrige mutter für einen perversen. Während ich also auf der parkbank verschnaufe und versuche, einen möglichst unperversen eindruck zu machen, krabbelt eine biene zwischen meinen schuhen hindurch.
Hab mal gehört, dass es immer weniger bienen gibt und deshalb das obst mangels bestäubung in gefahr sei. Der gang der biene sieht nicht ganz rund aus. Sie schwankt und torkelt ganz schön. Wirkt wie betrunken. Ich schaue unter die parkbank und sehe dort die scherben eines zerschlagenen flachmanns – strothmann weizen-korn, 40 % - und komme zu dem schluss, dass sich die biene an den schnapsresten wohl gütlich getan hat. Das hab ich ja gern, statt zu arbeiten, also ordentlich zu bestäuben, sich mittags schon besaufen. Ich will es ihr gerade sagen, da hebt sie schon ab. Und macht zwei meter weiter im sandkasten eine bruchlandung. Sie liegt auf der seite, strampelt mit den füßen und kommt nicht wieder hoch.
Eine dohle, schwarzer mantel, graues köpfchen, die mich schon länger beobachtet hat, hüpft zur honigbiene und erfreut sich an der schnapspraline. Diese strafe für den mittäglichen alkoholkonsum und alkoholisiertem fliegen erscheint mir jetzt doch zu hoch.
Außerdem: wie viele männer machen es genau so: erst besaufen und dann – falls möglich – zum bestäubungsvorgang übergehen. Die natur ist eben grausam, denke ich. Dann fangen meine Hämorrhoiden massiv an zu jucken. Wohl leicht verkühlt auf der bank. Die natur ist grausam, denke ich gleich noch einmal.
Jetzt bricht die sonne durch die wolkendecke. Also sie übergibt sich nicht, sondern scheint durch die wolken herab. Direkt auf mich. Soll das eine art wiedergutmachung sein?
Ich mache mich auf den weg nach hause. Dabei gehe ich an blühenden rosensträuchern vorbei. Für die schönheit der natur bin ich heute nicht mehr empfänglich, denke ich, und schlage einer mich besonders dreist angrinsenden rose mittels kung-fu-handkantenschlag den kopf ab. Das hat sie jetzt davon. Das jucken im schritt nimmt zu. Ich will eigentlich nur noch nach hause und bin gerade dabei, die geschichte schon gedanklich abzuschließen, da kommt mir mona auf dem fahrrad entgegen. Ich grüße kurz und denke: über mona, mitch miller und den dreadlock-behangenen jonas wollte ich doch eigentlich auch noch schreiben. Jetzt überschneiden sich die geschichten ungewollt. Meine hämorrhoiden melden sich wieder. Na gut, dann eben nicht, ab nach hause; Penatencreme drauf und auf dem bauch lesen. Von meinem wilden erlebnissen mit mona erfahrt ihr dann eben erst beim nächsten mal.
bratapfel-süß-sauer - 27. Jun, 21:50
Ich sitze vorm laptop und bin nervös. Eine leichte innere unruhe will sich meiner bemächtigen. Vielleicht will sie sich auch nur gehör verschaffen. Ich ignoriere sie, so gut es geht und überlege: Woher kommt die bloß, diese nervosität? Am kaffee und rauchen kann es ja nicht liegen. Ich drehe die musik etwas leiser. Man kann ja seine eigenen gedanken nicht verstehen. Zur beruhigung zünde ich mir einen weiteren zigarillo an. Und springe wild zwischen mehreren internetseiten hin und her. Irgendwann lese ich mich irgendwo fest. Vor lauter erregung vergesse ich kurzzeitig den zigarillo. Oder heißt es das zigarillo?
mache ich mir in letzter zeit eigentlich zu viele gedanken über bestimmte artikel? Überlege ich. Ich öffne schnell den duden: zigarillo, der, die oder das: Substantiv, maskulin oder Substantiv, feminin oder Substantiv, Neutrum. Sind wir hier eigentlich bei „wünsch dir was?“; so kann man doch nicht arbeiten. Ich klicke das zweite suchergebnis an: bei korrekturen.de heißt es: „der Zigarillo, doch auch die sächliche Form ist korrekt. Die Form die Zigarillo in Anlehnung an die Zigarette gilt als umgangssprachlich.“ schon besser. Während ich noch über den, die oder das zigarillo nachdenke, fällt die (!) zigarilloasche auf meine tastatur. Mist.Von der wirklichkeit eingeholt, hole ich den staubsauger und werfe ihn an. Ruck zuck ist die zigarilloasche von der tastatur verschwunden. Dann komme ich auf die idee, die ganze tastatur abzusaugen. Das klappt zunächst ganz gut. Dann macht es „tschick“ und „klonk, klonk, pffft“ oder so aehnlich und der tastatur fehlt das „ä“. an der stelle ist jetzt ein loch. Das geraeusch hat mich derart fasziniert, dass ich gleich noch das „ö“ ab- oder einsauge. Wann braucht man eigentlich diese umlaute, frage ich mich? Zack, dass „ü“ auch noch eingesaugt. Ordnung muss sein. Wenig spaeter faellt mir ein, dass mein vorname ein „ö“ enthaelt. Oel, oeffentlich oder oeffnungszeiten auch. Etwas uebereifrig, ueberlege ich mir.
In zukunft werde ich wohl die umlaute als sonderzeichen einfuegen muessen. Verdammt.
Ich oeffne den bauch des staubsaugers und hole den beutel heraus. Dieser ist zu zwei dritteln gefuellt. Ueberwiegend mit staub. Ich wuehle ein wenig darin herum. Ich habe mal gehoert, dass hausstaub ueberwiegend aus menschlichen hautschuppen besteht. Bei dem gedanken wird mir leicht uebel. Schließlich finde ich beim wuehlen erst das ü, überglücklich, dann das ä, äh ..., ähnlich und schließlich das ö, … ööööh, dann noch einen öhrring meiner freundin und einen kleinen fahrradschlüssel.
Nach dieser geschichte kommen mir die umlaute beinahe unentbährlich vor. Oft weiß an erst, was eine fehlt, wenn an es nicht ehr hat. Bei nächste al könnte ich ja al das „...“ nehen, also einsaugen. Dann üßte ich „üsli“, „öpse“oder „änner“ schreiben. So langsam geht mir das hier aufs gemüt. Dir bestimmt auch, lieber leser.
bratapfel-süß-sauer - 21. Jun, 13:48
ich sitze im freibad. In diesem jahr das erste mal. Heute haben wir wohl den heißesten tag des jahres. Die sonne steht gerade am himmel und schattenplätze sind rar. Ich schaue an mir herab: Mein bauch und rücken sind fast so weiß wie mein handtuch. Jeder sieht es mir an: ein amateur. Andere knackig braun und trainiert. Ich so gar nicht. Es kommt mir vor, als hielte man abstand zu mir. Als könnte meine blässe ansteckend sein. Schon wie ich vorhin versucht habe, mir selbst den rücken einzucremen, muss sehr merkwürdig und ungelenk ausgehen haben. Wen hätte ich fragen sollen? Die heiße bademeisterin? Noch ziemlich jung, vermutlich anfang 20, sehr schlank, groß, fast modelmaße, blonde lange haare. Muss man es uns männern noch zusätzlich schwer machen?
Die andere bademeisterin ist nicht so heiß. Etwas älter, aber bereits versaute figur, hängende schultern, schlurfender gang, keine ausstrahlung. Wie die männlichen patrouillierenden bademeister aussehen, interessiert mich nicht.
Ich schaue mich weiter um: freibad – treffpunkt der peinlichen sonnenbrillen, unmöglichen Tätowierungen und nie in mode gewesener badekleidung. Wenigstens schenkt man sich heute den quatsch mit den badekappen. Andererseits: es sah bei vielen doch recht lustig aus. Meine oma hatte immer ganz besonders schöne. So mit aufgesetzten blumen, die ich als kleiner junge immer anfassen musste.
Neben mir bessert ein handwerker, ungefähr in meinem alter, die silikonfugen aus. Wer arbeitet den freiwillig bei dieser affenhitze? Ich versteh die leute nicht.
Vor mir sitzt ein behaarter urang-utan, mit einer kniescheibe auf dem hinterkopf. Wie wärs mit eigenhaarverpflanzung, denke ich. Selbst bin ich zum glück kaum behaart. Hätte aber gern ein wenig fell auf der brust. Wenn bei bis zum dritten knopf aufgeknöpften hemden die brusthaare ein wenig herausgucken, finde ich das bei einigen typen sehr männlich. Voll retro, kommt mir in den sinn. Rückenhaare finde ich nicht so heiß. Ich hatte mal einen bekannten, der unter seinem t-shirt stets noch ein zweites shirt aus eigener wolle trug. Er ließ sich vom friseur alles sichtbare und herauswuchernde im halsbereich bis zum rundkragen ausrasieren, damit es nicht gleich auffiel. Wenn dann aber mal sein t-shirt verrutschte, sah man, dass sein eigenhaar-shirt auch einen rundhalskragen hatte.
Die sonne knallt und ich schwitze als säße ich in der sauna. Trotz hitze ist jetzt mittagszeit. Ich habe carbanossi und frische brötchen eingepackt. In sachen selbstverpflegung macht mir keiner was vor. Da bin ich profi.
Ich summe einen dendemann-text (es geht mir gut, es geht mir gut, es geht mir sehr, sehr gut) vor mich hin. Danke der nachfrage. Und gucke ein paar frauen auf die notdürftig verdeckten brüste. Und werde dabei ein bißchen geil. Jetzt macht ein ca. 40-jähriger aushilfskellner vom beckenrand einen amtlichen bauchplatscher. Manche leute haben es echt nicht drauf, denke ich. Leider gehöre ich partiell oder temporär auch dazu. Nach zwei brötchen stelle ich die nahrungsaufnahme ein. Ich will ja vielleicht noch ins wasser. Voller bauch masturbiert nicht gern, oder so ähnlich, heißt es doch.
Dann gehe ich lässig zum whirlpool hinüber, ohne auf die badegäste zu achten. kann ich ohne brille auch gar nicht. Bloß nicht überanstrengen, denke ich. Als ich aus dem whirlpool klettere, macht sich ein ungewohntes gefühl von sauberkeit in meinem schritt breit. Die klabuster-beeren wurden wohl alle weggeblasen. Der weg zum liegeplatz führt mich an der großen tribüne vorbei. Ich ziehe leicht den bauch ein, strecke die brust raus und nehme haltung an. Natürlich nur für die damenwelt. Dann versuche ich nicht zu stolz zu schreiten, aber auch nicht zu unsportlich zu schlurfen. Gefühlte hundert augenpaare ruhen auf mir. Wat is dat denn für einer? Denken sie wohl. Es ist ein echter spießrutenlauf. Man kann eigentlich nur verlieren. Entweder respektieren einen die typen nicht oder die frauen halten einen für überheblich. Verunsichert und hilflos sinke ich auf mein handtuch nieder. Und bin fast sofort unsichtbar. Weißes handtuch, weißer körper. So entziehe ich mich den blicken der anderen und liege auf der lauer.
Ob ich mit meiner freundin hier wohl angeben könnte? Frage ich mich. Schwer zu beurteilen. Ich finde sie hübsch. Auch wenn die leserinnen jetzt vielleicht denken, dass das in einer beziehung doch wohl eine selbstverständlichkeit ist, kann ich ihnen als mann nur sagen: nein, ist es nicht.
Ich wurde auf einer party mal zeuge folgenden gesprächs zwischen zwei vollidioten: idiot 1 zu idiot 2, wobei 1 zur freundin von 2 rübersah: „wat willste denn mit der?“ 2 zu 1: „ naja, wenigstens is se blond.“
mehr fällt mir jetzt nicht ein. Vielleicht noch mal kurz in den whirlpool und dann ab nach hause für ein kleines mittagschläfchen. So in der sonne zu liegen, ist doch recht anstrengend.
bratapfel-süß-sauer - 20. Jun, 12:01
warum ist man eigentlich nie zufrieden? Immer sollte irgendwas anders, ja noch besser sein.
Ich sitze im schein der untergehenden sonne vor dem osnabrücker dom und schwitze. Es so um die 25 grad, kein wind, nicht mal die schwüle luft will sich bewegen.
Das eben bei netto gekaufte bier ist zu warm; die pizza zum mitnehmen auf meinen knien ist trotz kartonummantelung mittlerweile schon zu kalt.
Zu warm, zu kalt – irgendwas ist ja immer.
Das eine ist zu warm, das andere zu kalt. Diesen gedanken lasse ich erst mal sacken.
Dann komme ich auf folgende, wahrscheinlich geniale, idee: wenn das eine zu warm und das andere zu kalt ist, muss man die dinge doch nur miteinander verbinden. Klingt logisch, denke ich.
Ich drücke das warme bier mittels glasflasche in die lauwarme pizza. Und warte. Dann gucke ich ein paar lecker gebräunten frauenbeinen hinterher und kratze mich am kopf. Ich gucke auf die in die pizza getauchte bierflasche und warte. Nach einigen minuten ist meine geduld überstrapaziert. Ich nehme einen ordentlichen schluck bier und halte inne. Es kommt mir jetzt noch wärmer vor. Außerdem versucht die mit tomatensauce verschmierte flasche, sich meiner hand zu entwinden. Ich stelle sie weg und probiere es mit der pizza. Die ist jetzt noch kälter und schmeckt an der stelle, an welcher ich den flaschenboden hineingedrückt habe, irgendwie komisch. Irgendwas hat hier anscheinend nicht geklappt.
Ich grübele ein bißchen darüber nach. Dann höre ich die worte meines früheren physiklehrers vor meinem inneren …, äh, ohr: „glass ist ein bomben-isolator.“ Sollte heißen: glas isoliert gut. Na klar, jetzt hab ich`s. Wie sollen die stoffe miteinander reagieren können, wenn die glasflasche dazwischen ist?ich gieße einen kräftigen schluck bier auf die pizza. Diese sieht danach gar nicht glücklich aus. Das bier läuft von der pizza und weicht den karton auf. Scheiße, denke ich. Schlechte versuchsbedingungen. Ich probiere ein stück der pizza: es schmeckt nach warmen bier, kaltgewordenem tomaten-mehl-matsch und ein bißchen nach recyceltem karton. Was hab ich nur falsch gemacht? Ich gebe auf; und gehe zum pizzaladen zurück und frage den pizzabäcker, ob er mir die pizza noch mal aufwärmen kann? Er nimmt den karton entgegen und klappt ihn auf. Er sieht mich fragend an. Ich zucke die schultern, blicke zu boden und sage: „äh, die war schon so“. Er nimmt den karton samt inhalt und wirft ihn in die mülltonne. Ich will protestieren. Dann sagt er: 10 minuten, und belegt einen frischen pizzaboden. Mit glänzenden augen gehe ich um die ecke und pisse vor seine hauswand. „so ein idiot“, denke ich zufrieden. Ich schüttele den vorletzten tropfen ab – der letzte geht immer in die hose – und mache mir ein neues bier auf. Immer noch zu warm. Vielleicht seinen kühlschrank? Überlege ich. ich gehe zum laden zurück. Ich lächele ihn leicht überlegen an, er lächelt dumm zurück. Dann ist die neue pizza fertig. Er stellt sie in einen karton verpackt vor mich hin. Ich will ihm ein trinkgeld geben, aber er lehnt lässig ab. „so in ordnung?“ fragt er. Ich nicke und will gerade die pizza samt karton nehmen, da sagt er: „moment“, ergreift das von mir auf der theke abgestellte bier und schüttet einen kräftigen schuss über die pizza. Geschockt sehe ich ihn an. „das fehlte noch, bier-pizza“ sagt er triumphierend. „danke“, sage ich kleinlaut und verlasse in geduckter haltung den laden. Auf dem weg nach hause esse ich die matschige pizza, die komischerweise genau die richtige temperatur hat. Die wissen eben, wie es geht, diese ausländer, denke ich noch.
bratapfel-süß-sauer - 19. Jun, 11:51
der abend hat lücken, denke ich. Also mein kopf, nee, das gehirn, nee, also eher das gedächtnis. Ich sitze mit holgi und k.u. An irgendeinem tresen und anscheinend sind wir die letzten gäste. Die uschi hinter der theke ist nicht mehr die jüngste, ich kenne sie nicht, hab sie noch nie gesehen, wo bin ich hier und – wer von uns macht sie heute abend noch klar? Demonstrativ wischt sie über die theke, die zapfanlage und was weiß ich noch. Ich kann nicht mehr so weit gucken. Sie will wohl nach hause. Wir noch nicht. Mir ist ein wenig übel. Als ich holgi darauf ansprechen will, rutscht er vom barhocker und reißt die kneipentür auf. Lautstark übergibt er sich. Direkt vor die kneipentür. Holgi steht noch in der tür, aber alles andere landet auf dem bürgersteig. Wie es sich gehört, denke ich. Holgi ist eben profi. Perfektes timing. Die wirtin sieht mich an und sagt: „so jungs, für euch ist jetzt mal schluss. Ab nach hause.“ ich gucke sie groß an. Dann zu k.u. Rüber. Der ist auf dem tresen eingeschlafen. Ich nehme einen strohhalm aus einem glas hinter der theke und sauge einen schnapsrest aus meinem glas damit an. Dann schiebe ich das offene ende des strohhalms in k.u.s rechtes nasenloch und puste den schnaps hinnein. Daraufhin fängt seine nase an, wie wild zu zucken. Das sieht lustig aus, denke ich. Als ich versuche, ihn zu wecken, und dabei leicht zur seite schiebe, fällt er vom hocker. Unten wird er wach und fragt: „wo bin ich?“. Ich weiß es auch nicht, zerre k.u. Hoch, lege einen fünfziger auf den tresen, bestimmt viel zu viel und stoße mit k.u. Als rammbock holgi aus dem türrahmen, an welchen er sich zum verschnaufen angelehnt hat. Die wirtin brüllt: „da fehlen noch 4,20“ hinter uns her. Mein gott, wie lange hocken wie denn schon in diesem loch, denke ich, jetzt wieder merkwürdig klar und gehe einfach weiter. Draußen ist es schon recht hell, wohl kurz vor sonnenaufgang. Wir torkeln gemeinsam richtung innenstadt, also eher dorthin, wo ich die innenstadt vermute. Wir schleichen durch kleine gassen und kommen irgendwie nicht weiter. k.u. Muss pinkeln. Ich auch. Ich lege holgi auf einem beetle cabrio ab, dessen dach komischerweise geöffnet ist. Wir stellen uns vor ein mit wildem wein bewachsenes fachwerkhaus und lassen es laufen. k.u. Versucht mir unauffällig an die hose zu pinkeln und ich kann gerade noch ausweichen. Als wir uns umdrehen, pinkelt holgi gerade auf die hellen ledersitze des cabrios. Am gegenüberliegenden haus öffnet sich die haustür und ein managertyp in anzug und krawatte, sportlich gebräunt und mit kurzhaarschnitt tritt heraus. Er sieht holgi, dann uns und brüllt: „weg von meinem auto, ihr wichser“. Im gegensatz zu uns macht er einen fitten, gar nicht übermüdeten eindruck. Wir rennen los. Und gewinnen einen kleinen vorsprung, weil der typ erst seinen rücksitz untersucht. Dann rennt er kurz hinter uns her. Irgenwann ist er weg und von dem gerenne muss ich mich jetzt auch übergeben. dann überqueren wir eine große kreuzung, es beobachten uns aus ihrem wagen heraus zwei beamte für recht und ordnung mißtrauisch, wie wir vorschriftsmäßig bei grün über die fußgängerampel gehen. Kaum sind wir drüben hören wir, wie ein wagen angeschossen kommt und versucht, uns auf dem bürgersteig zu überfahren. Geistesgegenwärtig schubse ich k.u. Und holgi ins gebüsch und springe dann hinterher und auf sie drauf. Der streifenwagen schaltet seine sirene ein und setzt sich vor den beetle. Der managertyp will protestieren, aber der eine beamte dreht ihm schon den arm auf den rücken. Ich ziehe die jungs weiter ins gebüsch hinein und zeige ihnen einen weg durchs dickicht. Weg von den drei unruhestiftern. Das ist ja gerade noch mal gut gegangen. Während wir uns durch die pflanzenwelt wühlen, sehe ich einen hagebuttenstrauch und pflücke zwei reife, rote hagebutten ab. Diese zerdrücke ich in meiner hand und schmiere holgi die pampe in den nacken. Kurze zeit später fängt dieser an, sich wie wild unterm hemdkragen zu kratzen.
Wir finden eine bushaltestelle und beschließen mit dem bus zu fahren. Ich nicke kurz ein. Ich werde wach, als die anderen rufen: „der bus fährt ab“; ich springe auf, will losrennen, irgendwas stimmt mit meinen beinen nicht, gerate ins stolpern und fliege mit kopf und schulter voran gegen den bus. Auf dem boden sitzend stelle ich fest, dass sie mir die schnürsenkel zusammengebunden haben. Der bus fährt ohne mich ab. „was für wichser“, denke ich. Ich knote die schnürsenkel auf und setze mich wieder auf die bank. Dann nehme ich mein handy, rufe holgi an, bedanke mich und sage ihm, dass er k.u. Mal nach seinem handy fragen soll. Dann spiele ich k.u.s klingelton mit seinem handy ab, dass ich ihm vorhin am tresen aus der jacke gezogen habe und lege auf. Wenig später ruft k.u. Mit holgis handy zurück und fragt, wie ich denn ohne Portemonnaie bus fahren wolle? Da hat mir dieses arschloch doch im schlaf meine geldbörse abgenommen.
Ohne zu zögern winke ich einem vorbeifahrenden taxi, steige ein und nenne k.u.s adresse. Dort angekommen steige ich aus und sage dem taxifahrer, dass ich erst geld aus der wohnung holen müsse. Ich schleiche ums haus herum, zum eingang, klingele bei k.u. Sturm und laufe dann durch den garten in richtung meiner wohnung weg. Noch nicht weit gekommen, höre ich einen taxifahrer, wohl immer noch vor k.u.s haus, wild hupen.
Fast zu hause angekommen frage ich mich: wann werden wir endlich erwachsen?
bratapfel-süß-sauer - 18. Jun, 23:43
ich kriege meinen arsch nicht hoch. Im weißen unterhemd stehe ich um halb zehn auf den fenstersims gelehnt vor meinem wohnzimmerfenster. Draußen knallt die sonne. Heißt es eigentlich der oder das „fenstersims“? Ich will schon „fensterbank“ einsetzen, gucke dann aber doch im duden nach. Dieser belehrt mich: fenstersims, der oder das; substantiv, maskulin oder substantiv, neutrum. Na toll, die wissen es also auch nicht. Bis zu 30 grad sollen es heute werden. Und ich weiß schon jetzt, dass ich meinen arsch nicht hochkriegen werde. Die von mir getragene stark verwaschene kurze hose hat im schritt ein großes loch. Wie fast jede zweite meiner unterhosen. Sorgt für ausreichende belüftung, denke ich, um keine ausrede verlegen. Nur kurze hose mit loch im schritt und unterhose mit loch an der gleichen stelle dürfen nicht zeitgleich aufeinandertreffen. Das könnte fatale folgen haben, sinniere ich sinnlos in der gegend herum.
In der wohnung sieht es aus wie sau. „wie sau“, was ist das eigentlich für ein ausdruck? Egal. Weiter. Überall benutztes geschirr, zeitungen, wäsche und pfandflaschen. Warum kümmert sich keiner darum? Frage ich mich. Draußen fährt die polizei vorbei, ein linienbus und ein ups-transporter. Der ups-mann ist heute ausnahmsweise ganz in braun gekleidet. Bei dem wetter sicherlich auch kein vergnügen. Arbeiten geistig minderbemittelte mit brauner gesinnung eigentlich am liebten bei ups? Wer kennt die antwort auf solche fragen?
Ein sattelschlepper , beladen mit neuwagen, fährt vorbei. Draußen riecht es nach sommer. Vor dem wohnzimmerfenster auch ein wenig nach weißkrautsalat, den ich gestern abend wohl nicht mehr in den kühlschrank gestellt habe.
Es geht ein leichter wind, eine angenehme sommerbrise; doch ich kriege meinen arsch nicht hoch.
Vor der gegenüberliegenden bushaltestelle steht ein dicker mann mit rosafarbenem hemd. Ist das von bedeutung?
Gefrühstückt habe ich immerhin schon: das brot ohne butter, den kaffee ohne milch. Ein abschleppwagen fährt vorbei. Im schlepptau den wagen meiner eltern. Bloß in einer anderen farbe. Muss ich mich eigentlich mit sonnenmilch eincremen, bei der sonnenintensität? Ich könnte ja mal ins freibad gehen. Die an der bushaltestelle eintreffenden jungen frauen sind nackt und haben irgendwas leichtes darüber geworfen. Unterhalb meiner gürtellinie regt sich nichts. Wahrscheinlich ist es einfach zu heiß. Ein hund bellt. Ich schwitze. Sonst passiert nichts.
Ich könnte le clezios erzählband „das fieber“ weiterlesen. Würde wohl zum wetter passen. Keine ahnung, unter welchem bücherturm das ding liegt.
Meine freundin will neuerdings, dass ich mir einen 400-€-job suche. Aber ich kriege meinen arsch nicht hoch. Außerdem ist es doch viel zu heiß.
Ins freibad werde ich frühestens heute nachmittag gehen. Ich kann doch nichts schon mittags im freibad bier trinken.
Mein vater holt heute seinen neuwagen aus den neuen bundesländern ab. Leider keinen trabant. Dazu hat er sich wohl einen der heißesten tage des jahres ausgesucht. Mein vater kriegt den arsch immer hoch. Gliche ich ihm optisch nicht wie ein ei dem anderen, könnte man denken, ich wär vom postboten. Oder vom milchmann. Oder vom ups-mann. Vielleicht überspringen elan und ehrgeiz ja auch immer eine generation. Ist doch eine naheliegende erklärung.
Mir ist ein bißchen langweilig. Ich fahre den laptop hoch und mache musik an. Irgendwas elektronisches; nicht zu schnell, damit es zum wetter passt.
Ich zünde mir einen weiteren zigarillo an. Mein gott, ist das alles anstrengend, denke ich. Zum glück bin ich zum denken noch nicht zu faul. Obwohl …, manchmal schon.
Ich habe das gefühl, dass aus diesem gekritzel, brainstormmäßig aneinandergereihten sätzen, schon wieder keine geschichte wird. Kein spannungsbogen, keine unerwartete wende, keine zentrierung oder verdichtung usw. ach egal. Meine leser sind doch genügsam, hoffe ich und frage mich zugleich: Wie kriegen die morgens eigentlich ihren arsch hoch?
bratapfel-süß-sauer - 18. Jun, 11:34
jede stadt hat vermutlich ihre besonderen kneipen oder partys, die sich zeitweise großer beliebtheit erfreuen. Eine zeitlang ist dieser oder jener laden angesagt oder diese wöchentliche party, bis sich der trend wieder verschiebt, die hipness weg ist oder selbst frank furzknoten und lena langeweile mitbekommen haben, dass dies zur zeit anscheinend angesagt ist. Die hipster haben dann schon längst die lage erkannt und die nächsten trends ausgemacht und belächeln verächtlich die stets zu spät kommenden nachturner.
Ich selbst habe mir darüber nie viele gedanken gemacht. Ich gehe einfach dort hin, wo es mir gefällt. Angesagt oder nicht. Scheißegal. Ich würde niemals irgendwo eine stunde anstehen, um in eine disco oder einen club zu kommen. Ebenso wenig wechsle ich saisonbedingt meine klamotten oder meine brille.
Allerdings finde ich es schon gut, wenn die aufgesuchte disco oder kneipe voll und die stimmung gut ist. Als ich noch in göttingen studierte, ging ich sehr gern mittwochs zum „weizenabend“ ins „thanners“, paulaner-hefe-weizen zu 2 €, an welchem der laden aus allen nähten platzte, die gäste schon früh sehr betrunken waren und ich mich angeduselt an der rustikalen holztheke festhielt. Oft gab es gar kaum noch stehplätze. Keine ahnung, ob das heute noch so ist. Ich sollte mal wieder hinfahren und es mir ansehen.
In osnabrück gibt es, seit vielleicht drei jahren, so genau weiß ich das nicht, ich war kein gast der ersten stunde, das sog. „discobingo“ im grand hotel. Das grand hotel ist eine kleine hübsch zurecht gemachte (m. M. Nach Studenten-) kneipe, in welcher noch geraucht werden darf. Unter der woche ist, soweit ich das beurteilen kann, nicht so viel los, aber jeden ersten mittwoch im monat geht es dort drunter und drüber, beim discobingo. Wie der name schon vermuten lässt handelt es sich beim discobingo um eine mischung aus disco und bingo. Hierzu moderiert die mehr oder wenige bekannte lokalgröße „christian steiffen“, seines zeichens schlagersänger mit punk-texten (musik- und videomaterial findet der interessierte leser bei youtube.de) eine bingoziehung, die von einem dj mit passender musik musikalisch untermalt wird. Für jedes gezahlte getränk erhält man einen bingoschein und mittels einer miniaturlottomaschine werden pro runde so lange zahlen gezogen, bis jemand auf seinem schein fünf zahlen in einer reihe hat. Der gewinner erhält dann so sinnvolle geschenke wie einen toaster mit nachtsichtgerät, einen solarbetriebenen elektrogrill oder einen ferngesteuerten hubschrauber, der nicht richtig fliegt. Am beliebtesten ist wohl die „kümmerling-runde“, bei welcher ein paket mit mini-kümmerlingflaschen zu gewinnen ist. Allerdings hat der gewinner nicht viel davon, da er stets aufgefordert wird, die flaschen gleich zu verteilen. Dies heizt dafür aber die stimmung weiter auf.
Also, wie schon gesagt, der laden ist an diesem abend knüppeldicke voll, die gäste ab spätestens elf uhr i.d.R. Auch und man kommt mit allerlei fremden ins gespräch.
Selten habe ich so viele frauen kennengelernt wie an diesen abenden. Ein beliebter aufhänger, um schnell ins gespräch zu kommen ist der stets fehlende stift oder kugelschreiber, um die zahlen auf dem bingoschein anzukreuzen. Da sich oft 5 bis 10 personen einen stift teilen müssen, sorgt schon dies für eine gewisse nähe.
Das ganze hat schon fast animalische züge: viele männer, ich zumindest, schwitzen aufgrund der hitze stark und die frauen sind wärmebedingt nur knapp bekleidet. Kommt man erst später in die kneipe erscheint einem die wand aus schweiß, deo, parfum, pheromonen und alkohol fast undurchdringlich. Ich kann jedem single in osnabrück nur raten, sich das ganze einmal aus der nähe anzuschauen. Leider hat sich bei den uns mittlerweile geruchlich gut vertrauten mädelsgruppen schon rumgesprochen, wer von unserer regelmäßig teilnehmenden männertruppe noch single ist und wer nicht. Dadurch sind meine flirtchancen, auch vorher schon nicht gerade riesig, noch weiter gesunken. Wirklich schade. Ich warte aber noch auf den tag, an welchem es den gästen irgendwann einfach alles zu viel wird, also das testosteron, die pheromone, die leicht angefeuchteten frauenachseln, die notdürftig verhüllte knackig-gebräunte haut, der alkohol, ja einfach alles, und sich die leute die klamotten von den leibern reißen und das ganze zu einer riesigen gruppensexorgie ausartet. Wenn so etwas im leicht unterkühlten osnabrück möglich ist, dann wohl nur beim discobingo im grand hotel. Ich kann nur hoffen, dass ich an diesem abend auch vor ort bin.
bratapfel-süß-sauer - 17. Jun, 11:59
Befeuert oder angetrieben durch das letzte zeit-magazin, titel: „was macht einen mann zum mann“, denke ich über meine beziehung nach. Und meine rolle darin. Bin ich eigentlich ein „richtiger“ mann?
Bei meiner freundin und mir ist vieles untypisch, so empfinde ich es zumindest. Wir erfüllen wohl nicht die erwartungen an „mann“ und „frau“. Dahinter stecken keine tieferen gedanken oder ein bestimmtes bemühen; keine ideologien, keine feministischen überzeugungen, keine gelebten erkenntnisse der sog. „gender-studies“. Es ist einfach so. Sie ist ein halber mann und ich bin eine halbe frau. Das ergänzt sich ganz gut.
Als untermauernde Beispiele lassen sich anführen:
ich habe wesentlich mehr klamotten als sie und gehe auch lieber shoppen.
Sie liebt technische geräte, handwerkliche betätigungen aller art, hat mehr werkzeug als ich, und muss die internetverbindung wieder zum laufen bringen, wenn diese streikt und ich das, wie immer, nicht hinkriege.
Ich koche am wochenende, stehe früher auf und mache frühstück, während sie noch schläft.
Sie spielt vereinsmäßig handball; ist in der lage, mich im tischtennis zu besiegen und kann sogar halbwegs fußball spielen. Außerdem kickert sie für ihr leben gern.
Ich lese wesentlich mehr als sie; ich sitze nach einem film wie „brokeback mountain“ mit tränen in den augen da (und schäme mich), sie nicht (höchstens für ihren freund).
Sie packt die dinge einfach an, während ich zögere und grüble.
Sie ist gewalttätig (es bereitet ihr sehr viel freude, mich zu kneifen, zu treten und auf mich einzuschlagen, während ich nicht mal zurückschlagen kann; konnte ich schon in jungen jahren bei meinem bruder nicht).
Ich brauche viel körperliche nähe, streicheleinheiten und kuscheleien, sie kommt mit weniger aus. ich bin vermutlich romantischer, empfindlicher und verträumter. Leider. Manchmal komme ich mir wie ein richtiges weichei vor. Ich erfülle die männlichkeitsnormen nicht. Was kann man da machen?
Allerdings gibt es auch lichtblicke: neulich saßen wir abends vor dem fernseher; während ich bundesliga guckte und bier trank, lackierte sie sich die fingernägel. Als mir auffiel, dass endlich mal etwas geschlechtstypisch in unserer beziehung ablief, wurde ich vor freude darüber derart übermütig, dass ich sagte: „hol mir mal nen bier ausm kühlschrank“. Ich erntete einen abschätzigen blick und bekam danach eine gedonnert. Danach holte ich mir das bier selbst und brachte ihr noch eine cola mit, da sie ihre fingernägel an der schlaghand neu lackieren musste.
Meine bemühungen, ein „richtiger“ mann zu sein, wurden somit mal wieder im keim erstickt. Ich bin wohl einer von ganz wenigen männern, die opfer von häuslicher gewalt werden. Aber anstatt aufzubegehren, füge ich mich, ordne mich unter und bin dadurch wohl schon wieder mehr frau als mann.
bratapfel-süß-sauer - 12. Jun, 12:02
bis vor kurzem war ich in besitz eines goldringes; es war nicht der „ring der nibelungen“, nicht der ring aus lessings „ring-parabel“ und auch nicht tolkiens „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“ ; ferner nicht der „ring der O“ (einschub: Der Ring der O ist ein besonderer Fingerring, der seit den 1990er Jahren ein im deutschsprachigen Raum verbreitetes Schmuckstück und Erkennungszeichen für Anhänger des BDSM, umgangssprachlich sadomaso, ist. Er erhielt seinen Namen nach einem Ring, den die Protagonistin O in dem klassischen BDSM-Roman Geschichte der O von Pauline Réage trägt (vgl. wikipedia).)
es war vielmehr ein einfacher goldener siegelring (585er Gold, 14 karat) mit einem ovalen onyx-stein. Mein opa hat einen solchen ring zu besonderen anlässen getragen wie wahrscheinlich unzählige andere rentner, die zeit ihres lebens kein ausgeprägtes modebewusstsein entwickelt haben.
Der von mir versetzte ring war aber nicht der meines opas. Vielmehr habe ich jenen im alter von ca. 10 jahren im eingang eines kaufhauses auf dem boden gefunden. Und sicherheitshalber erst mal eingesteckt. Irgendwann haben meine eltern den ring dann bei mir gefunden und ihn mir, auch „sicherheitshalber“ abgenommen. Das ist jetzt ca. 20 jahre her. Ich wusste gar nicht, dass es den ring überhaupt noch gibt. Eigentlich hätte er zum fundbüro gebracht werden müssen. Haben wohl alle beteiligen irgendwie „vergessen“. Verjährt so etwas eigentlich nach 20 jahren? Oder hat eine ersitzung im juristischen sinne stattgefunden? Ich weiß es nicht. Und weigere mich auch, nach dem ich den ring zu geld gemacht habe, darüber recherchen einzuholen.
Da ich in letzter zeit chronisch unter geldmangel leide, der schriftsteller andreas altmann hielt seine chronische geldnot gar für angeboren, und der goldpreis sich seit 1990 circa verdreifacht hat, sollte es sich also lohnen, den ring nun zu verkaufen.
Um mich nicht zu leicht übers ohr hauen zu lassen, nahm ich mir vor, verschiedene goldankäufer aufzusuchen, um angebote einzuholen. Das war sehr interessant. Den meine vorurteile bestätigten sich, mal wieder, überhaupt nicht. Ich hätte gedacht, dass man bei einem seriösen deutschen juwelier mehr geld bekommt als in dubiösen hinterhofgeschäften, in welchen die inhaber kaum deutsch sprechen. Um es kurz zu machen: die „seriösen“ deutschen juweliere boten mir 50 bzw. 60 €. eine gelangweilte deutsche mit handtaschenhund unter dem schreibtisch und mäßig gepflegter einrichtung immerhin 70 €. das zunächst beste angebot mit 76 € erhielt ich in einem laden mit lauter „kopftuch-frauen“. Diese waren sehr nett, sprachen gut deutsch und fast hätte ich ihr angebot angenommen. Meine freundin hielt mich aber zurück, um noch ein letztes angebot einzuholen. Hierzu klingelten wir an einem runtergekommenen laden – weit außerhalb der innenstadt - mit elektischem türöffner, der irgendwie geschlossen aussah. Das merkte ich aber erst, nachdem ich geklingelt hatte. Die auslagen waren leer geräumt und der boden mit baufolie ausgelegt. Wir wollten schon wieder gehen, als der elektische türöffner summte. Zögernd betraten wir den laden und meine faust schloss sich fester um den ring. Ich nahm eine eine gespannte haltung ein, darauf gefasst, mit einem knüppel von hinten niedergestreckt zu werden. Wer weiß, was sie meiner freundin antun werden, dachte ich. Von der decke hing auch baufolie und wasser tropfte in bereitgestellte maurerkübel. Ich blickte verstört in den hinteren teil des ladens. Dort stand durch panzerglas vor der kundschaft geschützt ein lächelnder, meiner meinung nach nordafrikanisch aussehender, gepfleger mann und rief: „wasserschaden, wasserschaden! Bitte reinkommen.“ ich ging bis zur theke und erklärte mein anliegen. Der ankäufer nahm den ring, klemmte sich eine diamantlupe ins auge, nickte wohlwollend und legte den ring auf eine waage. „woher kommt den der wasserschaden? ausgelaufene waschmaschine? fragte ich ihn. er antwortete: „verdammten studenten, werfen alles in ausguß, bis dieser verstopft; und vermieter kümmert sich nicht“. Ich nickte schuldbewusst. „112 €“ könne er mir dafür bieten. Ohne zu zögern nahm ich sein angebot an. Prompt lud ich meine freundin zum essen ein. Natürlich nur zum billig-italiener, den der ring sollte ja nicht gleich für ein mittagessen draufgehen. Beim essen dachte ich über die vorurteile vieler deutscher gegenüber vermeintlich betrügenden ausländern nach. Nach dieser geschichte hatte ich eher das gefühl, dass mich die deutschen juweliere hatten betrügen wollen. Ich erinnerte mich noch, dass der deutsche juwelier mit dem niedrigsten angebot, von wem auch immer, vielleicht von der zeitschrift „gold und hund“, zum goldankäufer des jahres 2010, 2011 und 2012 gekürt worden war.
bratapfel-süß-sauer - 5. Jun, 12:13